Ärzte Zeitung, 04.07.2012

Strom gegen Migräne

DARMSTADT (eb). Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) empfiehlt besonders chronischen Clusterkopfschmerz-Patienten mit hohem Leidensdruck und bisher erfolgloser medikamentöser Prophylaxe, die Okzipitale Nervenstimulation (ONS) in einer spezialisierten Fachklinik zu erwägen.

Die elektrischen Reize minderten nach einer aktuellen Übersichtsarbeit (Current Opinion in Neurology 2012; 25, 3: 269 - 276) die Schmerzen bei mehr als 70 Prozent der Patienten mit chronischem Clusterkopfschmerz.

Bei Migräne-Attacken spürten 40 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung.

Für die ONS kommen Patienten in Frage, die trotz Medikamente gleichbleibend unter chronischem Clusterkopfschmerz oder einer chronischen Migräne leiden, teilt die DGKN mit.

Diesen Patienten setzten Ärzte bis zu zwei kleine Elektroden direkt unter der Haut am Nacken ein. Der Eingriff kann unter Vollnarkose oder örtlicher Betäubung erfolgen.

Ob das Verfahren wirkt, prüfen die Patienten mit einem Gerät in Größe einer Scheckkarte, mit dem sie die Elektroden an- und ausschalten.

Schmerzfrei auch noch nach fünf Jahren

"Es kann vier bis sechs Wochen dauern, bis der Therapieeffekt einsetzt", wird Professor Andreas Straube, Kopfschmerzspezialist am Universitätsklinikum Großhadern in München, in der Mitteilung der DGKN zitiert.

Schlägt die Methode an, pflanzten Spezialisten einen solchen Generator dauerhaft im Fettgewebe oberhalb des Schlüsselbeines oder alternativ unterhalb des Rippenbogens oder in der Gesäßregion ein.

Klinische Neurophysiologen erprobten die ONS seit fünf Jahren, berichtet die DGKN. Eine aktuell erschienene Übersichtsarbeit fasse die Ergebnisse von 58 Menschen mit Clusterkopfschmerz und mehr als 200 Migräne-Patienten zusammen und belege die Wirksamkeit.

Bei etwa 72 Prozent der Betroffenen mit Clusterkopfschmerz lasse die Schmerzhäufigkeit und -intensität um mehr als 50 Prozent nach. "Auch noch nach fünf Jahren war ein Großteil der Betroffenen schmerzfrei", wird Straube zitiert.

Wirkmechanismus noch unklar

Bei Migräne-Patienten hingegen stünden Langzeitstudien noch aus. Die bisher beobachteten Erfolgsraten seien weniger stabil als bei Clusterkopfschmerz-Patienten. Wie genau die ONS wirkt sei unklar, schreibt die DGKN.

Eine Hypothese: Die elektrischen Reize unterbinden die Weiterleitung der Schmerzsignale im Hirnstamm. Weitere Behandlungen neurologischer Krankheitsbilder, die auf elektrische Stimulation setzen, werden zurzeit erprobt.

"Denn das heilende Potenzial neurophysiologischer Methoden scheint längst nicht ausgeschöpft", wird Straube in der Mitteilung der DGKN zitiert.

"Wir verfolgen insbesondere Methoden, bei denen elektrische Wellen von außen wirken, also keinen Hautschnitt erfordern."

Dazu zählten etwa die sogenannte transkutane Nervus Vagus Stimulation, bei der Kopfschmerzpatienten wie auch Patienten mit epileptischen Anfällen am Tag mehrere Stunden im Bereich der linken Ohrmuschel elektrisch stimuliert werden. Hierzu würden in den kommenden Monaten erste Studienergebnisse erwartet.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Zehn Regeln für die Rheuma-Therapie

In der medikamentösen Behandlung von älteren Rheuma-Patienten gilt es für Ärzte, einiges zu beachten. Rheumatologen haben zehn Empfehlungen verfasst. mehr »

Dicke Luft um Diesel-Fahrverbote

Erneut hat ein Gericht ein Diesel-Fahrverbot verhängt, erstmals ist ein Teil einer Autobahn davon betroffen. Die Kläger sehen sich im Kampf für eine saubere Luft bestätigt. Unterdessen beschloss das Kabinett neue Regeln beim Stickstoffdioxid-Grenzwert. Pneumologen sehen das kritisch. mehr »

Neun Millionen Klinik-Infektionen jährlich

Infektionen in Kliniken und Pflegeheimen sind in Europa ein großes Problem. Jährlich infizieren sich dort rund neun Millionen Bürger, berichtet die EU-Seuchenbehörde. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend. mehr »