Ärzte Zeitung, 21.10.2016

Blutverlust als Ursache

Eine neuer Migränetyp bei Frauen?

Neurologen aus North Carolina postulieren bei Frauen einen neuen Kopfschmerztyp: die "endmenstruelle" Migräne.

DURHAM. In die Migräne-Ambulanz des Carolina Headache Institute in Durham kamen immer wieder Patientinnen, die die Kopfschmerzschübe nicht klassischerweise zu Beginn ihrer Periode bekamen, sondern erst gegen Ende. Forscher um Dr. Anne H. Calhoun beschlossen daher, der Sache auf den Grund zu gehen und die Klinikdatenbank gezielt auf dieses Phänomen hin auszuwerten.

Binnen sechs Wochen fanden sich 85 Frauen mit Migränediagnose, die einen regelmäßigen Zyklus hatten und damit für die Auswertung geeignet waren (Headache 2016; online 5. Oktober). 30 von ihnen (35,3 Prozent) hatten angegeben, dass in den letzten Tagen ihrer Monatsblutung Kopfschmerzen einsetzten und dann im Mittel 2,6 Tage anhielten. Für die Forscher ist das ein klarer Hinweis auf die Existenz der von ihnen postulierten "endmenstruellen" Migräne (EMM).

In der Migräne-Klinik werden bei allen Patientinnen routinemäßig die Ferritinwerte bestimmt. Diese lagen bei 28 der 30 EMM-Kandidatinnen unterhalb des allgemein akzeptierten Grenzwertes von 50 ng/ml. Bei der Hälfte waren es sogar weniger als 18 ng/ml. Ferritin dient im Organismus nicht nur als Speicherstoff für Eisen, sondern kontrolliert auch die Freisetzung, je nachdem, wie viel davon im Gewebe benötigt wird. Mangelt es an dem Protein, können sich die Eisenspeicher schnell entleeren.

Die EMM stand, anders als die normale Menstruationsmigräne, nicht im zeitlichen Zusammenhang mit hormonellen Schwankungen, sondern ereignete sich in einer Phase sehr stabiler Östrogenkonzentrationen. Die Forscher postulieren, dass es bei Frauen mit ohnehin niedrigen Ferritin-Spiegeln durch den monatlichen Blutverlust zu einem Missverhältnis zwischen dem Sauerstoffbedarf und der Menge an zirkulierenden roten Blutkörperchen komme.

"Ein anerkanntes Symptom eines niedrigen Ferritin-Spiegels sind chronische Kopfschmerzen", so Calhoun und ihr Team. Umgekehrt würden Kopfschmerzen mit Anämie, Hypoxämie, Hyperkapnie und zerebraler Vasodilatation in Zusammenhang gebracht. Erst kürzlich habe eine Studie gezeigt, dass Patienten mit einer Eisenmangelanämie ein deutlich erhöhtes Kopfschmerzrisiko haben. Größere epidemiologische Studien müssen nun klären, was an dem Phänomen dran ist. Dabei dürfte auch von Interesse sein, ob sich einer EMM, sofern es sie denn gibt, möglicherweise durch eine Eisentherapie vorbeugen lässt. (eo)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Resolution gegen DSGVO-Verunsicherung und Abmahn-Angst

Nach einer ersten Abmahnwelle in Bremen wächst bei Ärzten die Verunsicherung wegen der Datenschutzgrundverordnung. 60 Verbände und die KBV haben darauf nun reagiert. mehr »

Der kleine Unterschied ist größer als gedacht

Krankheiten verlaufen bei Männern und Frauen unterschiedlich, das ist bekannt. Die Gendermedizin deckt immer mehr die geschlechtsspezifischen Besonderheiten auf. mehr »

Neue Leitlinie stärkt medikamentöse ADHS-Therapie

In den neuen S3-Leitlinien zu ADHS wird die medikamentöse Therapie bei mittelschweren Symptomen gestärkt. Experten betonen aber, dass die Arzneien nur ein Teil eines umfassenden Therapiekonzepts sein dürfen. mehr »