Ärzte Zeitung online, 02.01.2018

Aktion Mütze

Mehr Wissen für weniger Kopfschmerz

Tabletten gegen Kopfweh gehören für viele Jugendliche zum Alltag. Die "Aktion Mütze" will das ändern und geht direkt in die Schulen.

Mehr Wissen für weniger Kopfschmerz

Kopfschmerzen während der Hausaufgaben: Für viele Schüler leider ein bekanntes Phänomen.

© Thomas Eisenhuth/dpa-Zentralbild

WIESBADEN/KIEL. Schüler fragen ihre Lehrer immer häufiger nach Kopfschmerztabletten: Diese Beobachtung hat die ehemalige Wiesbadener Gesamtschullehrerin Karin Frisch alarmiert. Um den aus ihrer Sicht "gravierenden Anstieg von Kopfschmerzerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken", rief sie zusammen mit dem Direktor der Schmerzklinik Kiel, Hartmut Göbel, vor rund drei Jahren die "Aktion Mütze – Kindheit ohne Kopfzerbrechen" ins Leben. Der Neurologe und Psychologe Göbel ist überzeugt: "Kopfschmerzen kann man durch Wissen verhindern. Wissen ist die beste Medizin, die beste Prävention."

Kopfschmerzproblematik nimmt zu

Mehrere Studien zeigten, dass Kopfschmerzen im Kinder- und Jugendalter tendenziell zunähmen, bestätigt auch der Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Charly Gaul. Als Gründe würden unter anderem Multitasking und zu wenig verfügbare Freizeit genannt. "Streit im Freundeskreis ist auch ein Risikofaktor, alles was in Richtung Mobbing geht."

Kopfschmerzen seien die Volkserkrankung schlechthin, sagt Göbel. Viele Menschen wüssten jedoch nicht, wie sie Kopfschmerzen oder Migräne vorbeugen könnten. "Viele Kinder werden schon wie selbstverständlich mit Kopfschmerztabletten in die Schule geschickt, das gehört dazu wie das Pausenbrot."

Eigene Unterrichtseinheit entwickelt

Für die "Aktion Mütze" haben Göbel und Frisch eine Unterrichtseinheit entwickelt, die Lehrer, Schüler und deren Eltern gleichermaßen erreichen soll. Ziel ist es, sie umfassend zu informieren, für die Risiken eines unreflektierten Medikamentengebrauchs zu sensibilisieren, Kopfschmerzen vorzubeugen – und die Ursachen anzugehen. Die Unterrichtseinheit können alle siebten Klassen in Deutschland kostenfrei bekommen, wie Frisch sagt. Das Projekt werde zudem mit einer umfassenden wissenschaftlichen Befragung evaluiert. Mehr als 70.000 Schüler haben inzwischen mit den Unterlagen gearbeitet.

"Das Konzept, wir gehen in Schulen, ist prinzipiell richtig", sagt Gaul, der Neurologe an der Migräne- und Kopfschmerzklinik in Königstein im Taunus ist. Denn bereits Informationsvermittlung alleine sei wirksam. Dies zeige etwa die Münchner Untersuchung zu Kopfschmerzen bei Gymnasiasten (Mukis), bei der mehr als 1000 Gymnasiasten mitgemacht haben. Schon eine einstündige Schulstunde über die Risikofaktoren von Kopfschmerzen und Migräne habe danach einen messbaren Effekt auf die Schüler, so Gaul.

Körperliche Aktivität hilft oft

Als Risikofaktoren machten die Initiatoren von Mukis nach den Worten Gauls Rauchen, Alkoholkonsum, koffeinhaltige Getränke, körperliche Inaktivität, Stress und Muskelanspannungen im Schulter-Nackenbereich aus. Wichtig sei zudem zu wissen, dass zviele Tabletten den Kopfschmerz vermehren könnten und dass regelmäßige körperliche Aktivität helfe.

Schmerztherapeut Göbel hält Ernährung für einen entscheidenden Ansatzpunkt. "Das kindliche Nervensystem braucht Kohlenhydrate." Damit seien aber nicht Süßigkeiten gemeint, sondern Kartoffeln, Reis, Vollkorn oder Nudeln. Ein Frühstück, ein Pausenbrot und ein festes Mittagessen vor 13 Uhr hält er für wichtig. Regelmäßiges Trinken dürfe auch nicht vergessen werden. "Es gibt immer noch Schulen, wo das verboten ist." Das Abendessen solle auch nicht ausfallen, weil es verhindern könne, dass Kinder morgens aus dem Schlaf mit Kopfweh aufwachten.

Medienkonsum hält das Gehirn in "high action"

"Alles zu Schnelle, alles zu Viele, alles zu Plötzliche, alles zu Intensive kann Migräne-Attacken auslösen", mahnt Göbel. Daher sei Regelmäßigkeit im Alltag wichtig. "Kinder sollten einen gleichmäßigen Tagesablauf haben." Außerdem sollten sie zumindest eine halbe Stunde am Tag mal nichts tun: "Handy weglegen, Hinsetzen, zur Ruhe kommen, Träumen und an gar nichts denken", rät er. "Wenn man das Kindern erklärt, verstehen sie das ganz gut."

Kritisch sieht Göbel auch den Medienkonsum, der den Tag schnell verrinnen lasse. Das kindliche Gehirn können sich kaum lösen von den wechselnden Reizen. "Das Nervensystem ist ständig in high action. Das belastet natürlich sehr." Hilfreich sei es daher, Entspannungsverfahren zu lernen.

Erste Ergebnisse der "Aktion Mütze" geben den Initiatoren Recht: Am Ende der Erprobungsphase des Projekts hätten mehr als zwei Drittel der befragten Schüler mit Kopfweh angegeben, dass sich ihr Kopfschmerz infolge der Verhaltensumstellung verbessert habe und sie die Unterrichtsmappe immer wieder zurate zögen, sagt Frisch. (dpa)

Mehr Infos unter: http://www.aktion-muetze.de

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