Forschung und Praxis, 15.11.2004

Unspezifische Rückenschmerzen - vermehrte Aufklärung ist nötig

90 Prozent der akuten Rückenschmerzen klingen innerhalb von sechs Wochen ab

Wer kennt es nicht - morgens beim Aufstehen oder abends nach einem Tag in der Praxis oder am PC spürt man den Rücken schon mal etwas deutlicher als sonst. Oft verschlimmern sich diese unspezifischen Rückenschmerzen und halten über Tage oder gar Wochen an. Eine Expertise, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Universität Münster erarbeitet wurde, sollte jetzt klären, ob es eine Möglichkeit gibt, Personen zu identifizieren, die zu einer Chronifizierung der Schmerzen neigen. Hierfür wurde systematisch die wissenschaftliche Literatur zum Thema Rückenschmerzen durchsucht und analysiert.

Christina Ott

Epidemiologische Studien sowohl aus Deutschland als auch aus dem europäischen Ausland belegen, daß die Prävalenz von unspezifischen Rückenschmerzen in den vergangenen 15 Jahren konstant geblieben ist. Trotzdem haben diagnostische und therapeutische Maßnahmen zugenommen, sagte Dr. Dagmar Lühmann vom Institut für Sozialmedizin in Lübeck, die an einer kürzlich im Internet veröffentlichten Expertise zu diesem Thema mitgearbeitet hat (www.bertelsmann-stiftung.de/de/17631_17823.jsp).

Diese Zunahme liege unter anderem daran, daß inzwischen mehr solche Maßnahmen zur Verfügung stehen und daß Patienten mit Rückenschmerzen heute früher zum Arzt gehen, erläuterte sie im Gespräch mit "Forschung und Praxis".

Der Hauptgrund scheine aber in der Wahrnehmung des Problems sowohl durch die Patienten als auch durch die Ärzte zu liegen. Denn "unspezifische Rückenschmerzen werden nicht als schmerzhafte und ärgerliche, aber eigentlich harmlose Befindlichkeitsstörung wahrgenommen, sondern als behandlungsbedürftige Erkrankung", so Lühmann. Um dies zu ändern, seien sorgfältige Aufklärungsmaßnahmen und körperliche Bewegung sinnvoll. So können bei dem einen oder anderen Patienten unnötige Behandlungen verhindert werden.

STICHWORT

Von "unspezifischen Rückenschmerzen" spricht man, wenn sich keine begründete Diagnose stellen, sich kein zentraler Pathomechanismus finden und sich keine irritierte Struktur identifizieren lassen. Etwa 80 Prozent aller Rückenschmerzen werden als unspezifisch klassifiziert.

Der Expertise zufolge geben in Deutschland - ähnliche Zahlen gibt es auch für andere Länder - 80 Prozent der Befragten an, schon mindestens einmal in ihrem Leben unter Rückenschmerzen gelitten zu haben. Die so verursachten direkten krankheitsbezogenen Kosten belaufen sich auf über zehn Milliarden Euro pro Jahr. Zudem stehen Rückenschmerzen auf Platz eins der Ursachen für Arbeitsunfähigkeiten, medizinische Rehabilitationsmaßnahmen und vorzeitige Berentung wegen Erwerbsunfähigkeit.

Mit zunehmendem Lebensalter werden unspezifische Rückenschmerzen häufiger. Wobei Erhebungen aus Finnland, Schweden, der Schweiz und Australien ergeben haben, daß bereits viele Kinder und Jugendliche an Rückenschmerzen leiden, bei 18-jährigen beträgt die Prävalenz bereits über 50 Prozent. Es konnte aber auch belegt werden, daß 90 Prozent der akut beginnenden Rückenschmerz-Episoden nur intermittierend auftreten und innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder abklingen. Allerdings müssen 70 Prozent der Personen, die eine Rückenschmerz-Episode erlitten haben, mit drei oder mehr Rückfällen rechnen. Und bei etwa jedem Fünften chronifiziert die Erkrankung.

Zweistufiges Screeningverfahren identifiziert Risikoklientel

Um Menschen zu identifizieren, die ein besonders hohes Risiko für unspezifische Rückenschmerzen haben, wurde anhand der Expertise ein zweistufiges Screeningverfahren erarbeitet. Auf Stufe 1 werden alle Personen, die als Erwachsene noch nie oder in den letzten fünf Jahren keine Rückenschmerzen hatten, ausgeschlossen. Zudem werden behandlungsbedürftige Rückenschmerzpatienten ausgenommen, die entweder eine höhere Schmerzintensität haben und / oder die aufgrund ihrer derzeitigen Schmerzen stark beeinträchtigt sind.

Auf Stufe 2 des Verfahrens wird anhand eines Fragebogens geklärt, inwieweit Risikofaktoren bei der verbleibenden Personen-Gruppe auftreten, und mit diesen Daten ein individuelles Risikoprofil erstellt. Für die so identifizierten Risikopatienten haben sich in den ausgewerteten Studien der Expertise - an denen Personen unterschiedlicher Berufs- und Altergsgruppen teilnahmen - verschiedene präventive Interventionen als sinnvoll erwiesen. Dazu zählen normale sportliche Betätigung, Maßnahmen wie intensive Rückenschule in Betriebssportgruppen oder Entspannungs-Pausen und Übungen am Arbeitsplatz, aber auch zum Beispiel Anerkennung von Vorgesetzten.

Die genannten Maßnahmen - so die Expertise - könnten dazu beitragen, daß sich die Einstellung zu Prävention von Rückenschmerzen und ihrer Heilung ändert.

So kommt es zur Chronifizierung

Außer vorausgegangenen Rückenschmerz-Episoden kristallisierten sich in der Expertise unter anderen diese Risikofaktoren für eine Chronifizierung von Rückenschmerzen heraus:

  • Rauchen,
  • Depression,
  • Unzufriedenheit und fehlende soziale Unterstützung am Arbeitsplatz,
  • sexueller und körperlicher Mißbrauch,
  • Bücken und Drehen,
  • Heben, Tragen, Schieben und Ziehen von schweren Lasten, unter anderem auch von Patienten im Krankenhaus, sowie
  • beeinträchtigende Komorbidität.

Die Entstehung von chronischen Rückenschmerzen wird also von mehreren sozialen, psychologischen, physiologischen, biologischen und arbeitsplatzbezogenen Faktoren beeinflußt. (otc)

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