Ärzte Zeitung online, 16.03.2009

Integrative Medizin: "Dem Patienten zuhören"

BERLIN (dpa). Sie zählen mittlerweile zu den Volksleiden: chronische Schmerzen im Kopf oder Rücken. Hunderttausende Menschen sind oft jahrelang in ihrem Alltag eingeschränkt, Ärzte stehen dem oft hilflos gegenüber. Eine Berliner Ambulanz geht einen anderen Weg - mit integrativer Medizin.

Harald Müllers* Leidensweg ist lang: Seit Jahren plagen ihn starke Schmerzen im linken Bein. Jeder Schritt tut weh, meist geht es nur humpelnd voran. Er konsultierte schon mehrere Orthopäden, doch außer vagen Diagnosen schlugen sie nicht viel vor. Eine Operation wollte der Lehrer auch nicht. Er lernte, mit den Schmerzen zu leben. Bis er vor einigen Monaten im Berliner Universitätsklinikum Charité auf ein völlig neuartiges Angebot stieß: In der Ambulanz für Prävention und Integrative Medizin (Champ) werden Patienten von Ärzten verschiedenster Fachrichtungen behandelt. Sie bringen ihr Fachwissen zusammen und setzen bewusst auch alternative Heilverfahren ein. An deutschen Kliniken gibt es kaum vergleichbares, selbst weltweit sind interdisziplinäre Behandlungen dieser Art sehr selten.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Ambulanz in Europas größtem Universitätsklinikum kaum von anderen Krankenhausangeboten. In dem kleinen Wartebereich im Bezirk Mitte sitzen Männer und Frauen, während im Nebenraum ein Arzt Patienten empfängt. Doch eines ist hier grundsätzlich anders: "Patienten werden als Ganzes betrachtet, Lebensumstände mit berücksichtigt und Wünsche und Vorstellungen in die Therapie mit einbezogen", beschreibt Patient Müller die Behandlung. "Die Ärzte bei Champ hören viel mehr zu, stellen mehr Fragen und fixieren sich nicht nur auf eine Sache."

Genau das ist auch der Ansatz des Charité-Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, zu dem die vor rund einem Jahr gegründete Ambulanz gehört. "Bislang stehen sich Vertreter der Schulmedizin und alternativer Heilmethoden meist ablehnend, gelegentlich sogar feindschaftlich gegenüber", sagt der Direktor des Instituts, Professor Stefan Willich. Schulmediziner glauben oft nur, was sie in ihren Lehrbüchern finden. Ihre Kritiker dagegen schwören auf alternative Methoden und engere Patientenbeziehungen.

"Diese Spaltung wollen wir mit unserem integrativen Ansatz überwinden", erklärt Internist Willich. "Ich glaube, dass die integrative Medizin eine moderne Medizinform ist." Schließlich könne nur so die Versorgung der Patienten mit ihren unterschiedlichsten Anforderungen und Ansprüchen verbessert werden. Die Schulmedizin hat zwar durchaus ihre Stärken, wie er aus eigener zehnjähriger Erfahrung in der Kardiologie weiß. Zum Beispiel bei der Versorgung akuter Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. "Doch wenn ein Mensch chronisch krank wird, sind die Behandlungsmöglichkeiten in der Schulmedizin limitiert."

Das belegen auch die bundesweiten Zahlen: chronische Schmerzen wie im Kopf oder im Rücken zählen zu den größten Volkskrankheiten, hunderttausende Menschen sind oft jahrelang in ihrem Alltag eingeschränkt. Ärzte stehen dem oft hilflos gegenüber. Das treibt nicht nur die Kosten des Gesundheitssystems in die Höhe, auch die Wirtschaft beklagt die aus den Krankheiten resultierenden, unzähligen Fehltage.

Der neue Ansatz der Charité könnte dabei schon bald Abhilfe schaffen. In der Ambulanz arbeiten nicht nur zehn Mitarbeiter verschiedener Fachbereiche wie Allgemeinmedizin, Psychotherapie und Ernährungsberatung zusammen. Im Institut gibt es sogar drei Professuren für den Bereich der Komplementärmedizin - das ist für eine Universitätsklinik deutschlandweit einmalig. Deswegen wird im Institut auch der Nutzen alternativer Heilmethoden wissenschaftlich erforscht. "Wir wollen nicht einfach irgendetwas bei den Patienten ausprobieren und damit Tür und Tor für Scharlatanerie öffnen", erklärt der 49-jährige Willich. Stattdessen sollen nur erfolgreich erprobte Methoden angewandt werden.

Dieser wissenschaftlich fundierte Ansatz hat sich herumgesprochen. Innerhalb eines Jahres nach ihrer Gründung hatte die Ambulanz schon mehr als 1000 Patientenkontakte und wird auch von anderen Abteilungen der Charité um Rat gefragt. Außerdem übernehmen gesetzliche Krankenkassen mittlerweile einige alternative Behandlungen, bei denen die Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte. Für die meisten Therapien müssen die Patienten allerdings weiterhin selber bis zu mehrere hundert Euro bezahlen.

Patient Müller ist das aber egal. Ihm geht es schon nach wenigen Akkupunkturbehandlungen deutlich besser. "Die Schmerzen sind fast weg", freut er sich. Er ist jetzt erleichtert, die von bisherigen Medizinern empfohlene schwere Operation umgangen zu haben. "Stattdessen kann ich ein ganz normales Leben führen - und sogar wieder ausgiebig mit meinem Hund herumlaufen!"

www.champ-info.de

*) Name geändert

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