Ärzte Zeitung App, 09.12.2013

Schmerztherapie bei Krebs

Die Mechanismen entscheiden

Der schmerztherapeutische Erfolg bei Krebspatienten hängt unter anderem davon ab, ob die unterschiedlichen Schmerzanteile adäquat berücksichtigt werden. Resultat der Diagnostik ist zwangsläufig eine individualisierte Therapie.

Von Thomas Meißner

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Die optimale Schmerztherapie bei Krebspatienten umfasst mehrere Verfahren.

© Darren Mower / iStockphoto

NEU-ISENBURG. Hausärzte werden sich zunehmend um die schmerz- und palliativmedizinische Versorgung Krebskranker kümmern müssen, meint Dr. Eberhard Albert Lux, Schmerztherapeut am Klinikum St. Marien-Hospital in Lünen (Hausarzt 2013; 5: 30).

"Keiner kennt die psychosozialen Probleme der Patienten und ihrer Familien besser als der Hausarzt!", so Lux.

30 bis 50 Prozent der Patienten unter aktiver Tumortherapie leiden unter Schmerzen und bis zu 90 Prozent aller Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung (Info Onkologie 2013; 5: 38).

Wie damit umgehen, wenn die Zahl der Krebspatienten in Deutschland weiter steigt und diese Patienten dank moderner Medizin ein immer höheres Lebensalter erreichen?

Schmerzart sollte definiert werden

Ein Aspekt ist, in der Diagnostik zu versuchen, die nozizeptiven, die neuropathischen und die dysfunktionalen Anteile des Schmerzes zu erkennen, um entsprechend reagieren zu können.

Nozizeptive Schmerzen sind an die Strukturen der Körperoberfläche gebunden, gut lokalisiert und werden meist als stechend, drückend und ziehend beschrieben; nozizeptive Reize aus viszeralen Organen sind dagegen dumpf, drückend, auch krampfartig und es gibt Übertragungsphänomene wie zum Beispiel die Schmerzen im linken Schulterblatt beim Pankreaskarzinom.

Neuropathische Schmerzen, wie sie etwa im Zusammenhang mit Polyneuropathien nach Chemotherapien auftreten, haben einen brennenden, einschießenden Charakter in Verbindung mit Parästhesien. Dies deutet auf Schäden nervaler Strukturen hin.

"Beim dysfunktionalen Schmerz, der häufig als Ganzkörperschmerz beschrieben wird, können periphere geschädigte Strukturen nicht als eindeutige Schmerzursache identifiziert werden", schreiben Lux und seine Kollegen.

Erklärbar seien solche Schmerzen mit Störungen in Gehirnstrukturen. Sie treten gehäuft in Verbindung mit Depressionen und Angststörungen auf.

Entsprechend der Schmerzqualität wird die Auswahl der Analgetika ausfallen, beginnend bei Nicht-Opioiden und Opioiden bis hin zu Koanalgetika sowie Mitteln zur Prophylaxe und Linderung typischer Nebenwirkungen.

Die Schmerztherapie müsse jedoch das individuelle Schmerzerleben aus physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Anteilen berücksichtigen, meint Lux mit Bezug auf die britische Pionierin der Palliativmedizin, Cicely Saunders. Daher reicht allein das Erheben der Schmerzstärke nicht aus.

Lux und seine Kollegen empfehlen den MIDOS (minimales Dokumentationssystem)- Fragebogen, der die Möglichkeit bietet, Komorbiditäten und belastende Symptome per Patientenselbsteinschätzung kompakt zu erfassen. Das Ergebnis ist ein Indikator für das Befinden des Patienten.

Passivität verhindern!

Für Patienten mit kognitiven Defiziten gibt es Verfahren zur standardisierten Verhaltensbeobachtung wie BESD (Basisevaluation von Schmerz bei Demenz), die von gut ausgebildeten Pflegekräften ausgeführt werden können.

Die optimale Schmerztherapie bei Krebspatienten umfasst somit mehrere Verfahren. Deren Erfolg soll kurz- und langfristig überprüft sowie dokumentiert werden. Lux: "Nur so können frühzeitig Nebenwirkungen erkannt und die Therapie optimiert werden."

Des Weiteren muss klar unterschieden werden zwischen Maßnahmen gegen Dauerschmerzen sowie gegen kurzfristig auftretende Schmerzattacken. Solche Durchbruchschmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten stark.

Nicht zu vergessen ist, dass neben der medikamentösen Behandlung auch strahlentherapeutische und nuklearmedizinische Verfahren, etwa bei Knochenmetastasen, als hocheffektiv analgetisch wirksam etabliert sind.

Lymphdrainagen, Krankengymnastik sowie psychologische Behandlungsverfahren sorgen ebenfalls für Schmerzlinderung und eine verbesserte Lebensqualität.

Diese Maßnahmen können der Passivität mancher Patienten, einem Vermeidungsverhalten und sozialem Rückzug entgegenwirken, das Körperempfinden verbessern und somit den Patienten ein Stück Kontrolle über das Schmerzerleben ermöglichen.

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