Ärzte Zeitung, 11.09.2008

Technik aus dem Leistungssport hilft Kranken, gehen zu lernen

Patienten, die als Erwachsene das Laufen neu lernen müssen, werden in der Reha- Klinik Bavaria in Kreischa bei Dresden betreut. Bei der Rehabilitation setzt man auf eine Technik aus dem Hochleistungssport.

Von Katlen Trautmann

Laufen für die Wissenschaft. Bei einer Probandin werden mit Sensoren die Bewegungsabläufe analysiert.

Patienten nach Schlaganfall, nach Amputationen oder mit erworbenen Handicaps brauchen häufig Gehtraining. Die Reha-Klinik Bavaria in Kreischa bietet ihnen und den behandelnden Ärzten seit kurzem durch die Technik der dreidimensionalen Bewegungsanalyse Unterstützung. "Wir sammeln damit für unsere Therapeuten Informationen, um Behandlungen zu optimieren", so Chefarzt und Neurologe Dr. Marcus Pohl.

Ein Patient übt in einem Gangtrainer der Klinik Bavaria in Kreischa das für ihn optimale Laufen. Fotos (2): Rockstroh Klinik Bavaria

Das Chemnitzer Institut für Mechatronik hat das biomechanische "Menschmodell" und die Simulationssoftware entwickelt. Von der Firma Lukotronik aus Innsbruck stammt die Technik. Mit Hilfe der Simulationssoftware wurden im DDR-Leistungssport die Dreifach-Sprünge der Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katharina Witt optimiert. Fachleute berechneten für die Sportlerin, in welchem Moment sie bei Pirouetten die Arme an den Körper ziehen muss, um noch schneller zu kreiseln und sicher zu landen.

Beim Laufen oder Springen beeinflussen Kräfte und Drehmomente Koordination und Haltung. Für ein effektives Training ist daher wichtig zu wissen, wie der Patient seinen Bewegungsapparat einsetzt. Andernfalls birgt das Laufenlernen jenseits des Krabbelalters die Gefahr des Erwerbs ungünstiger Bewegungsmuster. "Falsche Belastung führt auf Dauer zu Schäden an Hüftgelenk und Wirbelsäule", erläutert Pohl. Solche Schäden werden bei herkömmlichen Trainingsmethoden in der Regel später entdeckt.

Für die Messung werden 16 Infrarotsensoren auf den Körper des Probanden geklebt, bevor dieser aufs Laufband klettert. Die Messfühler übermitteln, wann und wo sich Schultern, Knie oder Hüfte im Raum befinden, und der PC erstellt daraus das Abbild der Bewegung. "So lassen sich falsche stereotype Bewegungsmuster korrigieren und physiologische Bewegungen früh stabilisieren", sagt Klinik-Sprecher Andreas Frädrich.

Das Verfahren basiert auf Messungen physikalischer Parameter. "Das System errechnet, in welche Richtung Kräfte vom Boden über das Knie zur Hüfte wirken", beschreibt Physiker Günter Rockstroh. Er passt in Kreischa die Methode an medizinische Fragestellungen an.

Was einst Katharina Witt half, Sprünge zu optimieren, hilft nun Kranken beim Laufen lernen.

Die Reha-Klinik betreut seit einem Jahr auch Patienten mit neuromuskulären Störungen, die in der Universitätsklinik Dresden behandelt werden. Das Analysesystem dient der Planung von Operationen und der Evaluierung der Therapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit abnorm erhöhtem Muskeltonus (infantile Cerebralparese). Die in Kreischa gewonnenen Daten ergänzen die klinischen Untersuchungen. "Wir wollen durch die Bewegungsanalyse belegen, warum die Operationen Erfolg haben und wie er sich stabilisieren lässt", erklärt Pohl. Das komplette Bewegungsprofil gibt es bislang von einem Patienten, weitere stehen auf der Warteliste.

Das 40 000 Euro teure System bietet trotz aller Vorzüge aber nur eine "unbefriedigende Näherung" für die in vivo wirkenden Kräfte, so Pohl. Die Muskelkräfte ließen sich nicht einzeln vermessen, wie es für feinere Diagnosen nötig wäre. Das Chemnitzer Institut arbeitet schon an einem solchen Verfahren der muskulo-skeletalen Belastungsanalyse.

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