Ärzte Zeitung, 04.06.2004

Hüft-Ersatz über kleinen Schnitt schont Muskeln

Trend geht zur minimal-invasiven Hüft- und Knieprothesen-Implantation / Patienten stehen gleich nach der Op auf

RASTATT. Werden Hüftprothesen künftig ambulant implantiert werden? Seit in den USA vor drei Jahren erstmals einem Patienten die Hüftprothese in minimal-invasiver Technik eingesetzt worden ist, ist das zumindest nicht mehr undenkbar. In den USA wird es vereinzelt bereits praktiziert.

Von Thomas Meißner

Einer der erfahrensten deutschen Orthopäden auf dem Gebiet der Endoprothetik, Professor Werner Hein aus Halle an der Saale, lehnt die ambulante Implantation ab. Doch sind auch Hein und viele seiner Kollegen davon überzeugt, daß der Standard der Hüft- und wohl auch Knieendoprothesen-Implantation bald minimal-invasiv sein wird.

Und dies nicht in erster Linie aus kosmetischen Gründen. Vielmehr werden mit den jetzt auch in Deutschland zunehmend erprobten Techniken die Muskeln und Weichteile der Patienten erheblich weniger traumatisiert und sind die Blutverluste stark verringert worden. Auf diese Weise werden die Hospitalisations- und Rehabilitationszeiten der Patienten deutlich verkürzt, ebenso wie die Zeit der Arbeitsunfähigkeit. Dies dürfte nicht nur Patienten, sondern auch die Kostenträger freuen.

Professor Roland Wetzel von den Kliniken Harthausen in Bad Aibling schilderte bei einer Veranstaltung des Medizintechnik-Unternehmens Zimmer in Rastatt seine Erfahrungen mit bislang 130 Patienten, denen er mit der minimal-invasiven Zwei-Inzisionstechnik Hüftprothesen implantiert hat. Dabei erfolgt der Einbau der Hüftpfanne über einen etwa fünf Zentimeter langen ventralen Hautschnitt in der Leistengegend. Der Hüftschaft wird über einen zweiten kleinen Schnitt etwa drei Querfinger proximal des Trochanter major implantiert.

Im Unterschied zum herkömmlichen Verfahren werden keine Muskeln mehr durchtrennt. Der Blutverlust liege im Durchschnitt bei weniger als 300 ml, so Wetzel. Daher habe er die aufwendige Eigenblutspende an seiner Klinik für die minimal-invasiv operierten Patienten abgeschafft. Dagegen war es bislang üblich, stets mehrere Erythrozyten-Konzentrate pro Patient zur Infusion post-Op bereit zu halten.

Eine andere Technik ist an der OCM-Klinik in München entwickelt worden (OCM - Orthopädische Chirurgie München). Dabei erfolgt lediglich ein einziger, sechs bis acht Zentimeter langer Schnitt im anterolateralen Oberschenkelbereich.

Auch hierbei werde kein Muskel durchtrennt und der Blutverlust sei ähnlich gering wie bei der Zweischnitt-Technik, sagte Dr. Robert Hube von der OCM-Klinik. Noch im Aufwachraum läßt Hube seine Patienten aufstehen. 320 Patienten sind bislang auf diese Weise operiert worden, die meisten können nach Hubes Angaben unmittelbar nach der Op ohne Seithinken gehen.

Im Unterschied zur Zweischnitt-Technik ist beim OCM-Zugang keine Bildwandler-Kontrolle während der Op nötig, was die Strahlenbelastung reduziert. Zudem können in Zweischnitt-Technik nur Patienten mit relativ normaler Anatomie operiert und auch nur zementfreie Prothesen implantiert werden. Der OCM-Zugang eigne sich dagegen als Standardzugang für zementierte und nicht-zementierte Prothesen, so Hube.

Natürlich gibt es auch Nachteile der neuen Techniken. So hat der Operateur eine nur noch eingeschränkte Sicht auf das Operationsfeld. Es sind zum Teil Spezialinstrumente nötig und auch mit den Weichteil-schonenden Verfahren sind Nerven-Irritationen oder Nervenverletzungen möglich. Zudem müssen sich die Orthopäden an die neue Sicht auf die Anatomie des Patienten erst gewöhnen - von der guten räumlichen Orientierung des Operateurs hängt letztlich die exakte Positionierung der Prothesen-Komponenten ab.

Hilfreich könnten daher bereits etablierte Navigationssysteme wie Navitrack™ sein, die als drittes Auge des Operateurs fungieren. Dazu wird im OP eine spezielle Infrarot-Kamera aufgestellt, an Becken und Bein des Patienten werden Infrarot-Antennen (Tracker) befestigt. Ein Computer errechnet aus den Kameradaten die Beinachse des Patienten. Da auch die Instrumente vom Kamerasystem erkannt werden, ermöglicht das Navigationssystem dem Operateur die exakte Präparation des Implantationsbettes für die Prothese sowie ihre millimetergenaue Positionierung.

FAZIT

Die Entwicklung der minimal-invasiven Hüft- und Knieprothesenimplantation, besonders mit Computer-Navigation, steht noch ganz am Anfang. Entscheidend für Patienten ist außer der schnellen Rehabilitation aber vor allem die lange Standzeit einer Prothese. Diese Daten werden für die neuen Techniken erst in einigen Jahren vorliegen. Der Trend in Richtung minimalinvasive Op zeichnet sich aber schon jetzt ab. Zum Vergleich: Bei der laparoskopischen Cholezystektomie dauerte der Eingriff vor wenigen Jahren noch Stunden, heute ist er eine Standard-Operation.

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