Ärzte Zeitung, 12.10.2006

Ausbildung in Orthopädie kommt zu kurz

Orthopäden klagen über geringe Resonanz auf "Jahrzehnt der Knochen und Gelenke" / Kaum Forschungsförderung

BERLIN (gvg). Das "Jahrzehnt des Knochens und der Gelenke" hat nach Angaben von Orthopäden bisher nicht die erhoffte Aufmerksamkeit für muskuloskelettale Erkrankungen gebracht. Vor allem bei Forschungsförderung und Ausbildung besteht weiterhin Nachholbedarf.

Mann mit Rückenschmerzen. Bei der Forschungsförderung und der Arzt-Ausbildung werden solche Erkrankungen vernachlässigt, klagen Orthopäden. Foto: ABDA

Zur "bone and joint decade" (BJD) hat die Weltgesundheitsorganisation WHO das Jahrzehnt zwischen 2000 und 2010 erklärt. Dadurch soll die Aufmerksamkeit auf die Erkrankungen des Bewegungsapparats gelenkt werden, die in Forschung und Öffentlichkeit eher vernachlässigt werden. Das Konzept ähnelt der "Dekade des Gehirns" in den neunziger Jahren, die auf neuropsychiatrische Erkrankungen zielte.

Bevölkerung weiß bisher nur wenig über Knochen-Jahrzehnt

"Das bisher in Deutschland erreichte entspricht nicht meinen Wünschen und Hoffnungen", sagte Professor Wolfhart Puhl aus Oberstdorf auf dem Orthopädenkongreß in Berlin. Bisher sei es den beteiligten Fachgesellschaften aus Orthopädie, Rheumatologie und Unfallchirurgie weder in der Fachwelt noch in der Bevölkerung gelungen, die Inhalte des "Jahrzehnts des Knochens und der Gelenke" zu vermitteln.

Puhl führte das auch darauf zurück, daß keine effiziente Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Gesellschaften etabliert werden konnte. Dort, wo greifbare Erfolge erzielt worden seien, etwa bei der Veröffentlichung eines Weißbuchs Osteoporose oder bei dem Düsseldorfer Präventionsprojekt "Orthopädie bewegt", handele es sich um Aktivitäten engagierter Einzelpersonen. Dort aber, wo koordinierte Arbeit vonnöten sei, etwa bei politischer Lobbyarbeit zur verstärkten Förderung der Forschung auf dem Gebiet muskuloskelettaler Erkrankungen, sei kaum etwas passiert.

Professor Lutz Claes und Dr. Karsten Dreinhöfer aus Ulm konnten das anhand von Untersuchungen zur Verteilung der Fördermittel und zur Situation der medizinischen Ausbildung verdeutlichen. So sei die Orthopädie zwar bei der Vergabe von Stipendien der Deutschen Forschungsgesellschaft gut vertreten, nicht aber bei den Programmen des Bundesforschungsministeriums.

Deutschland ist Schlußlicht bei Orthopädie-Ausbildung

Und bei der Ausbildung befinde sich die Orthopädie mit deutschlandweit 20 bis 25 Stunden Vorlesung schon traditionell auf einem der letzten drei Plätze. "Durch die bone and joint-Dekade hat sich daran bisher nichts geändert", so Claes. Die Hoffnung allerdings hat er noch nicht aufgegeben: "Was die Forschungsgelder angeht, profitieren auch die Neurologen und Psychiater erst jetzt so richtig von ihrer Dekade des Gehirns".

Weitere Infos zum "Jahrzehnt der Knochens und der Gelenke" gibt es unter www.boneandjointdecade.org

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