Ärzte Zeitung, 16.04.2008

HINTERGRUND

Kampf dem Wadenkrampf - Von B-Vitaminen bis Botulinumtoxin gibt es wirksame Therapien

Von Simone Reisdorf

Wadenkrämpfe sind schmerzhaft und lästig. Die Liste möglicher Ursachen von Krampi ist allerdings lang: Stoffwechsellage, Lebensgewohnheit oder Medikamente kommen ebenso in Frage wie ernste Erkrankungen - oder nichts von alledem. Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen also? Nicht, wenn man bei der Diagnose ein paar grundsätzliche Dinge beherzigt.

Eine Untersuchung mit 780 Erwachsenen verdeutlicht, dass Wadenkrämpfe ein verbreitetes Phänomen sind. So gaben 36 Prozent der Teilnehmer an, wenigstens einmal im zurückliegenden Jahr einen Wadenkrampf gehabt zu haben. Frauen waren häufiger betroffen als Männer, Schwangere sogar 6,3-mal öfter als der Durchschnitt, wie Professor Gerhard Reichel, Chefarzt an der Paracelsus-Klinik in Zwickau berichtet (psychoneuro 11, 2007, 462).

Krampfdauer gibt einen Hinweis auf die Ursache

Einen ersten Hinweis auf die Ursache eines Krampfes kann nach Angaben von Reichel die Krampfdauer und -intensität geben. Harmlose idiopathische Wadenkrämpfe betreffen danach nur ein bis zwei Muskeln und treten sporadisch auf. Die neurologische Untersuchung ist unauffällig.

Sind Krampi dagegen Symptom metabolischer Störungen, dann sind sie umfassender, intensiver und halten länger an. Typische Erkrankungen, die solche symptomatischen Krämpfe begünstigen, sind etwa Leber- oder Nierenschäden (inklusive Dialyse), Diabetes, Nebenniereninsuffizienz und eine Hypothyreose. Eine Hyperexzitabilität peripherer Nerven als Ursache symptomatischer Krampi lässt sich wiederum etwa durch ein positives Chvostek- oder Trousseau-Zeichen nachweisen.

Zusätzliche Parästhesien wiederum sind wegweisend für Krampi als Symptom neurologischer Erkrankungen. So sind für das benigne Faszikulations-Krampus- Myalgie-Syndrom als eigenständige neurologische Störung länger anhaltende, intensive Krampi (etwa Wadenkrämpfe), Parästhesien, Schmerzen und Zeichen einer Autoimmunstörung typisch. Stoffwechselanomalien sind dabei nicht zu finden.

"Krampi müssen vor allem von Muskelkontraktionen anderer Ursache, die mit Schmerzen einhergehen, abgegrenzt werden", rät Reichel. Dazu gehören etwa das Restless-Legs-Syndrom, Myotonien, Krampi bei Varizen oder Claudicatio intermittens und spinalis. Diese seien aber meist aufgrund ihres typischen klinischen Bildes gut zu diagnostizieren. So könnten fokale Dystonien, die vor allem postoperativ oder posttraumatisch auftreten, mit Krampi verwechselt werden. Fokale Dystonien beträfen aber typischerweise größere Muskelgruppen und seien oft durch Bein- und Fußbewegungen reproduzierbar.

Präventive Therapie bei hohem Leidensdruck

Und was hilft nun, um schmerzhafte Wadenkrämpfe zu verhindern?

Bei symptomatischen Krampi sei natürlich vor allem eine Therapie indiziert, die gegen die zugrunde liegende Krankheit gerichtet ist, so Reichel. Bei idiopathischen Krampi hingegen sei selten eine pharmakologische Therapie nötig. Im Moment eines Krampfes hilft meist die passive Dehnung des betroffenen Muskels und Anspannung des Antagonisten. Nur bei hohem Leidensdruck ist nach Ansicht des Wissenschaftlers eine präventive Pharmakotherapie eine Option. Diese kann etwa in der Einnahme von täglich bis zu 500 mg Chinin bestehen. Die Substanz ist allerdings wegen möglicher unerwünschter Effekte (Thrombopenien und schwere allergische Allgemeinreaktionen) umstritten. Eine Alternative seien möglicherweise B-Vitamine.

Positiv wirken Magnesium und Vitamin-B-Komplexmittel

Denn in einer kontrollierten Studie habe die Einnahme eines Vitamin-B-Komplexpräparates eine positive Wirkung auf die Krampfneigung gehabt. In der Schwangerschaft wiederum sei wiederum oft eine orale Therapie mit Magnesium (3 x 5 mmol am Tag) hilfreich, sowie eine orale Kalziumsupplementation. Bei anderen Patienten ist in einer Studie hingegen kein Nutzen einer Magnesium- einnahme auf die Krampfneigung nachgewiesen worden.

Positive Erfahrungen gebe es alternativ auch mit der Injektion von Botulinumtoxin in die betroffenen Muskeln, die alle in einer Untersuchung die Schwere der Krampi signifikant für drei Monate verringert habe, berichtet Reichel. Probatorisch könne auch eine Infiltration des M. gastrocnemius mit Lidocain vorgenommen werden.

Mehr Informationen im Internet unter www.aerztezeitung.de, Suche mit "Muskelkrämpfe"

STICHWORT

Chvostek- und Trousseau-Zeichen

Zum Nachweis mechanischer Nervenüberregbarkeit bei Tetanie/Hypokalzämie als Ursache symptomatischer Krämpfe dienen zwei Tests.

1. Chvostek-Zeichen: Es kommt zur Kontraktion der Gesichtsmuskulatur (Zucken der Mundwinkel), nachdem der Stamm des Nervus facialis 1 bis 2 cm ventral des Ohrläppchens beklopft wird.

2. Trousseau-Zeichen: Es kommt zur Pfötchenstellung der Hand nach Aufpumpen einer Blutdruckmanschette über den systolischen Blutdruck hinaus.

(sir)

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