Ärzte Zeitung online, 23.06.2009

Aus Hühnerei: Weltweit erstes Labormodell für Riesenzelltumoren

MÜNSTER (eb). Zum weltweit ersten Mal ist es an der Klinik und Poliklinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie des Universitätsklinikums Münster (UKM) gelungen, ein Labormodell für Riesenzelltumoren des Knochens zu entwickeln. Dr. Maurice Balke nutzte dazu das Gewebe von speziell präparierten Hühnereiern zur Entwicklung des Labormodells.

Prof. Dr. Georg Gosheger (l.) und Dr. Maurice Balke.

Foto: UKM

"Mit diesem zukunftsweisenden Modell ist jetzt erstmals möglich, die biologischen Grundlagen der Riesenzelltumoren auf diesem Weg im Labor zu erforschen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Ein Schwerpunkt wird dabei sicher die Entwicklung und Prüfung neuer Medikamente sein, ohne dass hierfür Tierversuche nötig sind", so Professor Georg Gosheger in einer UKM-Mitteilung. Gosheger nennt den Erfolg "bahnbrechend".

Bislang sind die zugrunde liegenden Mechanismen bei dieser Art der Tumorentwicklung, insbesondere der Metastasenentstehung, nur sehr wenig bekannt. Das werde sich nun ändern.

Balke gelang es in zweieinhalb Jahren intensiver Forschungsarbeit, das Tumorgewebe in der Membran speziell präparierter Hühnereier zum Wachstum zu bringen, und so die Grundlage für das biologische Labormodell der Riesenzelltumoren zu entwickeln. "Bisher war es nicht möglich, diese Tumoren, etwa in Zellkulturen, anzuzüchten und sie dadurch zu erforschen." Die so genannte Chorioallantois-Membran des Hühnereis ist seit vielen Jahren ein gängiges Labormodell besonders zur Untersuchung der Gefäßentwicklung. Für Knochentumoren wurde dieses Modell bislang jedoch nicht eingesetzt.

Gosheger: "Riesenzelltumoren des Knochens sind meist gutartige, aber lokal sehr aggressiv wachsende Tumoren, charakterisiert durch wachsende Zerstörung des Knochens und leider hohe Rückfall-Raten. In einigen Fällen muss der Tumor großflächig operativ entfernt werden. Dies hat den Einsatz spezieller Prothesen zur Folge. Die Fortentwicklung zum Beispiel von speziellen Wachstumsprothesen zählt daher zu den Schwerpunkten unserer Klinik. Gleichzeitig wollen wir aber auch andere Therapieoptionen erforschen. Hier ist uns nun ein gewaltiger Schritt gelungen." Die Klinik für Orthopädie und Tumororthopädie am UKM zählt zu den größten Tumorzentren dieser Art in Europa.

Die Arbeit an der Entwicklung des neuen Modells erfolgte in mehreren Schritten. Balke: "Die übliche Behandlung von Patienten mit Riesenzelltumoren des Knochens besteht aus einer operativen Entfernung des Tumors. Von dem entfernten Gewebe wird, natürlich nur mit Einverständnis und ausführlicher Information der Patienten, ein kleiner Teil direkt in der Abteilung für Molekulare Pathologie verarbeitet, so dass es in die zuvor vorbereiteten befruchteten Hühnereier implantiert werden kann. Dort wachsen die Tumoren dann auf der Gefäßmembran und können während des Wachstumsprozesses untersucht werden. Nach ca. einer Woche Wachstum folgen dann weitere Untersuchungen des Gewebes. Zu diesen Zwecken werden Proben unter anderem an verschiedene Labore in Leiden, Bordeaux und Oxford geschickt. Der nächste Schritt ist dann der Test von Medikamenten an diesen Proben im Labor - und das sicher schon in naher Zukunft."

Für seinen Erfolg wurde Balke bereits ausgezeichnet: Im Mai erhielt er von der "European Musculo-Skeletal Oncology Society" (EMSOS) den Europapreis für die beste wissenschaftliche Arbeit in der Grundlagenforschung zur Behandlung von Tumoren des Bewegungsapparates.

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