Ärzte Zeitung online, 29.12.2009

Korsett-Behandlung korrigiert Skoliose dauerhaft

An eine dauerhafte Wirkung der Korsett-Therapie bei Adoleszenten-Skoliose glauben viele Orthopäden nicht. Zu Unrecht, sagt Dr. Jan Matussek vom Ostbayrischen Skoliosezentrum der Uni Regensburg. Er sagt: "Bei 95 Prozent der Patienten lässt sich eine Operation vermeiden."

Von Thomas Meißner

zur Großdarstellung klicken

Rechtskonvexe Thorakalskoliose bei einem Mädchen und Verlauf der Korsetttherapie innerhalb von 2,5 Jahren.

Foto: Dr. med. Jan Matussek

BAD ABBACH. "Die Korsettbehandlung kann die Progredienz aufhalten, die Skoliose jedoch nicht auf Dauer korrigieren." Diesen Satz aus einem aktuellen Kinderorthopädie-Lehrbuch lassen Dr. Jan Matussek und seine Kollegen von der Orthopädischen Klinik der Uni Regensburg in Bad Abbach nicht mehr gelten. Mit einer modernen Korsetttechnik, der richtigen Physiotherapie und einer engen Kooperation mit Orthopädietechnikern und niedergelassenen Kollegen lasse sich bei möglichst frühem Behandlungsbeginn die Asymmetrieentwicklung nicht nur stoppen, sondern auch umkehren, sagen sie.

Die eher pessimistische Grundhaltung vieler Orthopäden erklärt Matussek mit schlechten Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten, nicht standardisierten Korsettkonstruktionen und fehlenden Physiotherapiestandards. Zudem war es lange Zeit methodisch schwer, Änderungen der komplexen Verkrümmungen in Studien sauber zu beschreiben und zu vergleichen.

Aktive Überkorrektur in die Gegenrichtung

Matussek gehört zu denen, die der konservativen Skoliose-Therapie wieder mehr Gewicht verleihen möchten. Er und seine Kollegen verwenden für die meist betroffenen Mädchen mit Adoleszenten-Skoliose individuell angefertigte Spiegelungskorsette. Dabei handelt es sich um Derotationskorsette, die auf der Grundlage der Ideen von Dr. Jaques Chêneau aus Toulouse, Frankreich (Chêneau-Korsett), entwickelt worden sind. Im Unterschied zu herkömmlichen Korsetten wird die Wirbelsäulendeformität nicht nur passiv begradigt, sondern eine aktive Überkorrektur in die Gegenrichtung erzeugt.

"Die Verkrümmung und Rotation der Wirbelsäule wird in exakt mathematischem Sinne gespiegelt, sodass die Kinder sich schief im Korsett befinden", erklärt Matussek. Waren die Druckpunkte früherer Korsette nach dem Dreipunkteprinzip in der Frontalebene angeordnet, um Druck auf die Scheitel der Verkrümmungen auszuüben, wird bei der Derotationsorthese passiv Druck auf die Rippen ausgeübt.

Ein wesentlicher Unterschied zu den früher eher "quetschenden Korsetten" (Matussek) ist, dass in Druckrichtung Platz zum Ausweichen gelassen wird. Beim Einatmen erweitert sich der Thorax, die Rippen drücken verstärkt gegen den Druckpunkt, sodass der Körper sich aktiv in die Derotation hinein atmet. "Bei körperlicher Aktivität überwiegt daher die aktive Komponente des Korsetts die passive", sagt Matussek. Die Klinik in Bad Abbach bietet regelmäßig Kurse über die Herstellung solcher Korsette an.

Durch Physiotherapie wird Körpergefühl entwickelt

Die begleitende Physiotherapie soll die haltungsschwachen und meist unsportlichen Patienten dazu bringen, ein Körpergefühl zu entwickeln, das sie erfahrungsgemäß nicht haben. Alte Bewegungsmuster müssen sie sich abgewöhnen und durch neue ersetzen. Die verkürzte Muskulatur auf der Konkavseite wird gedehnt, die Muskulatur vor allem auf der Konvexseite gekräftigt. Die Übungen der Schroth-Therapie gelten dabei nach wie vor als hervorragend, wenngleich sie keinesfalls als Dogma angesehen werden müssen.

Die Compliance der Mädchen beim ständigen Tragen des Korsetts hängt nach Erfahrung der Kinderorthopäden in Bad Abbach davon ab, ob relativ schnell erste Erfolgserlebnisse zu verzeichnen sind. "Schnell" heißt dabei: innerhalb von etwa sechs Monaten. In einer prospektiven Studie mit 17 Teilnehmerinnen mit rechtskonvexer Thorakal-Skoliose und mit einem noch für mehr als zwei Jahre zu erwartenden Skelettwachstum sowie Ausgangs-Cobb-Winkeln zwischen 29° und 60° im Hauptkrümmungsbereich gelang es nach spätestens sechs Monaten, die Verkrümmungen primär um mindestens 40 Prozent und maximal um 70 Prozent zu korrigieren.

Die aktive Korrektur und Derotation um durchschnittlich 50 Prozent erreichten Matussek und seine Kollegen mit der Korsett- und Physiotherapie innerhalb von zwölf Monaten. Die Ergebnisse blieben im Folgejahr bei den bislang auswertbaren Patientinnen unter der Behandlung stabil.

Der Verlauf kann heute röntgenstrahlungsfrei mit Oberflächenvermessungsgeräten, die mit Licht arbeiten, verfolgt werden. Aus millimetergenauen und dreidimensionalen Messdaten des Rückenoberflächenprofils ist es unter anderen auch möglich, auf die Rotationsfehlstellungen der Wirbelkörper zu schließen. Diese Methodik soll künftig exakte Studien und belegbare Therapiestandards ermöglichen.

Wirbelsäulen-Asymmetrien früh erkennen

Viele Kinder haben Wirbelsäulen-Asymmetrien, die noch keine Skoliosen sind, sich aber unter Umständen innerhalb weniger Monate verschlechtern können. Die wichtige Frühdiagnose ist vor allem deshalb ein Problem, weil bevorzugt Mädchen mit beginnender Pubertät betroffen sind, die sich zu Hause kaum noch unbekleidet zeigen und durch das Raster der kinderärztlichen Untersuchungen fallen.

Mit zwei einfachen Untersuchungen lassen sich Asymmetrien erkennen: Das Kind mit entkleidetem Rücken wird im aufrechten Stand von hinten betrachtet. Eine betonte Taille auf der einen Seite (Lendenwulst) und eine verstrichene Taille auf der anderen mit entsprechend asymmetrischen Taillendreiecken oder auch ein einseitiger Schulterhochstand weisen auf Unregelmäßigkeiten hin. Bei Rumpfbeugung nach vorn erkennt man bei Skoliose die Rippentäler und Rippenvorwölbungen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »