Ärzte Zeitung online, 25.06.2010

Sehnenrisse in der Schulter bei Rollstuhlfahrern häufig - Training beugt vor

HEIDELBERG (eb). Rollstuhlfahrer haben früher und häufiger Bänderrisse in der Schulter als Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen. Forscher aus Heidelberg haben jetzt belegt, dass der Verschleiß des Schultergelenks primär von der Länge der Zeit im Rollstuhl abhängt. Die Ergebnisse sollen die Prävention und Rehabilitation verbessern helfen.

Sehnenrisse in der Schulter bei Rollstuhlfahrern häufig - Training beugt vor

Bei Rollstuhlfahrern sind Verschleißerscheinungen des Schultergelenks häufig.

© Dron / fotolia.com

Bei querschnittgelähmten Menschen ist die starke Beanspruchung der Schultergelenke unumgänglich: Betroffene bewegen mit den Armen den Rollstuhl, stemmen sich ins Auto oder Bett, erreichen Waren in Einkaufsregalen und Gegenstände des alltäglichen Lebens häufig nur über Kopfhöhe und heben Lasten auf Brusthöhe oder darüber.

Forscher um Dr. Michael Akbar von der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg haben mit Kernspintomografie untersucht, ob querschnittgelähmte Rollstuhlfahrer häufiger Rupturen der Rotatorenmanschetten haben als Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen. Der Oberarzt ist für die Studie jetzt mit dem Vernon L. Nickel Award der American Orthopedic Rehabilitation Association ausgezeichnet worden, teilt das Universitätsklinikum Heidelberg mit.

An der Studie nahmen 100 Rollstuhlfahrer teil, die im Mittel 50 Jahre alt und seit mindestens 30 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen waren (Journal of Bone and Joint Surgery 2010; 92: 23). Die Vergleichsgruppe bestand aus 100 nicht-querschnittgelähmten Freiwilligen gleichen Alters und Geschlechts.

Ergebnis: Während sich 63 der 100 untersuchten Rollstuhlfahrer (63 Prozent) im Laufe ihres Lebens einen Sehnenriss in der Schulter zugezogen hatten, waren es nur 15 Personen der Kontrollgruppe (15 Prozent). "Damit sind Sehnenrisse der Schulter bei Rollstuhlfahrern mehr als viermal häufiger als bei Nicht-Rollstuhlfahrern", erklärt Akbar.

Außerdem zeigte sich, dass Sehnenrisse bei Rollstuhlfahrern deutlich früher auftreten als beim Durchschnitt der Bevölkerung: "Laut Literatur kommen Muskelsehnenrisse der Schulter bei rund 40 Prozent der über 70-Jährigen vor und sind mit zunehmendem Alter häufiger", so der Orthopäde. Bei den betroffenen Testpersonen im Rollstuhl rissen die Sehnen dagegen im Durchschnitt mit 50 Jahren, die jüngsten Patienten mit Rotatorenmanschettenrupturen waren 35 Jahre alt. "Die Rotatorenmanschettenruptur ist bei Rollstuhlfahrern also nicht als altersbedingte Verschleißerscheinung anzusehen, sondern das Risiko steigt mit der Zeit im Rollstuhl", folgert Akbar.

Für querschnittgelähmte Menschen sind Sehnenrisse in der Schulter besonders kritisch: Bleibt der Arm nur noch eingeschränkt belastbar, schränkt das die Selbstständigkeit und Mobilität erheblich ein.

Die Ergebnisse sollen nun dazu beitragen, die Leitlinien für die Rehabilitation zu verbessern. "Wichtig ist eine gezielte Kräftigung der Schultermuskulatur um den Verschleiß der Sehnen zu verringern und die Zeit bis zum Sehnenriss zu verlängern", sagt Akbar. Darüber hinaus will er in weiteren Studien prüfen, welche Bewegungen besonders schädlich sind und ob zum Beispiel Sport im Rollstuhl das Risiko für Sehnenrisse erhöht oder vermindert.

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