Ärzte Zeitung online, 25.08.2010

Neuartige Handprothese lindert Phantomschmerzen

JENA (eb). Forscher der Universität in Jena haben eine Handprothese entwickelt, mit der sich Phantomschmerzen verringern lassen. Weil sensorische Informationen von dieser Prothese zum Oberarm geleitet werden, wird die Prothese vom Patienten so wahrgenommen, als wäre es seine eigene Hand.

Neuartige Handprothese lindert Phantomschmerzen

Phantomschmerzen mindern: Von der Prothese werden sensorische Informationen an den Oberarm des Patienten übertragen, von wo sie ans Gehirn weitergeleitet werden.

© Sandra Preissler / FSU

Der Verlust eines Körperteils ist schmerzhaft und das gleich im doppelten Sinne: Denn außer Wundschmerzen haben die Betroffenen häufig auch Phantomschmerzen. Im Gegensatz zu den körperlichen Wunden, die irgendwann verheilen, bleiben Phantomschmerzen oftmals über Jahre, nicht selten das ganze Leben. "Phantomschmerzen sind nur sehr schwer zu behandeln", sagt Professor Thomas Weiß von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

"Meist zeigen sich diese als ausgesprochen therapieresistent", so der Professor vom Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie. Häufig blieben die Symptome bestehen, trotz hoher Analgetika-Dosen. Es bestehe dann die Gefahr, dass die Patienten in eine Medikamentenabhängigkeit geraten, so der Schmerzforscher.

Doch nun können Wissenschaftler der Universität Jena den betroffenen Patienten Hoffnung auf Linderung machen: Gemeinsam mit Unfallchirurgen des Jenaer Uniklinikums und Wirtschaftspartnern hat das Team um Weiß herkömmliche Handprothesen so verändert, dass Phantomschmerzen nach einer Unterarm-Amputation reduziert werden können.

Drucksensoren zwischen Daumen und Zeigefinger

Ein zentraler Bestandteil der Neuentwicklung, die von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung finanziell gefördert wird, ist eine Stimulationseinheit, die über eine Manschette mit dem Oberarmstumpf des Patienten verbunden ist. "Zwischen Daumen und Zeigefinger sowie am Daumen der Handprothese befinden sich Drucksensoren", erläutert Professor Gunther Hofmann, Direktor der Jenaer Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie.

Ursprünglich sollten diese lediglich dazu dienen, die Griffstärke der künstlichen Hand zu regulieren - je nachdem, ob man ein rohes Ei oder einen Hammer greifen will. "Unser System überträgt diese sensorischen Informationen nun auch von der Hand an den Oberarm", so Unfallchirurg Hofmann.

"Auf diese Weise erhält das Gehirn eine Rückmeldung von der Prothese, als wäre es die eigene Hand", ergänzt Weiß und erinnert an eine Ursache für Phantomschmerzen: Die Gehirnstrukturen, die ursprünglich für die Reizverarbeitung aus dem Arm zuständig waren, sind nach dessen Verlust plötzlich "arbeitslos".

Deshalb komme es zu einer Umstrukturierung der Gehirnbereiche. "Diese Areale übernehmen stattdessen die Verarbeitung von sensorischen Reizen aus anderen Körperteilen, vor allem aus dem Armstumpf und dem Gesicht", so der Jenaer Psychologe. Dadurch komme es dort zu verstärkten, häufig schmerzhaften Empfindungen - den Phantomschmerzen.

Durch die Rückkopplung zwischen neuer Hand und Gehirn, wie sie das Jenaer System ermöglicht, soll die Umstrukturierung im Gehirn verhindert oder sogar rückgängig gemacht werden. "Erste Patienten haben das System getestet und als sehr positiv empfunden", freut sich Hofmann. Nun gehe es darum, die mit dem Rückkopplungssystem ausgestatteten Prothesen von möglichst vielen Patienten testen zu lassen, um genügend Erfahrungen zu sammeln.

"Wir wollen wissen, ob die Übertragung der sensorischen Informationen aus der Hand nur einzelnen Patienten hilft oder ob sie als Therapeutikum für alle Prothesenträger geeignet ist", erläutert Weiß.

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