Ärzte Zeitung, 06.12.2010
 

Hintergrund

"Wetten dass"-Unfall: Keine Angst vor Erster Hilfe bei Wirbelsäulen-Trauma

Der Unfall in der TV-Sendung "Wetten dass...?" wirft auch Fragen nach der Erstversorgung bei Wirbelsäulen-Verletzungen auf. Übertriebene Angst vor Umlagerung ist dabei nicht angebracht, betont ein Traumatologe.

Von Thomas Meißner

Wirbelsäulen-Verletzungen: Keine Angst vor Stabilisierung bei Erstversorgung

Der Sprung über das Auto unmittelbar vor dem Unfall.

© Sven Simon / imago

Der bei der ZDF-Show "Wetten dass ...?" verunglückte 23-jährige Samuel Koch befindet sich noch immer in einem kritischen Zustand. Von "komplexen Verletzungen an der Halswirbelsäule" ist die Rede, von Wirbelfrakturen, die chirurgisch stabilisiert worden sind.

Womöglich sind das Rückenmark und damit neurologische Funktionen nicht verschont geblieben. Genaue Angaben über den neurologischen Status des Patienten lagen bis zum frühen Montagnachmittag zunächst nicht vor.

Im Zusammenhang mit diesem in der Öffentlichkeit intensiv diskutierten Unfall hat der Professor Reinhard Hoffmann von der BG-Unfallklinik in Frankfurt am Main für eine sachgerechte präklinische Versorgung wirbelsäulenverletzter Patienten geworben.

"Viele haben Angst davor, bei Verdacht auf Wirbelsäulenfraktur etwas falsch zu machen", sagte Hoffmann zur "Ärzte Zeitung".

Manche Ersthelfer würden zum Beispiel nach Verkehrsunfällen stark verkrümmt auf der Seite liegende Patienten am liebsten in dieser Position auf eine Vakuummatratze legen und in die Klinik transportieren, aus Angst etwas kaputt zu machen.

"Kann man aber nicht!", betont Hoffmann. Im Gegenteil: Wenn man den Patienten vorsichtig zu zweit oder zu dritt sachgerecht dreht, lagert, in einer Vakuummatratze schient und keine abrupten Bewegungen ausführt, wird dadurch das Rückenmark entlastet. Spätestens beim Umlagern in der Klinik, zur Diagnostik oder im OP-Saal muss der Patient sowieso bewegt werden.

Es gibt allgemein anerkannte Therapiealgorithmen, mit deren Hilfe sich zum Beispiel im Rettungsdienst beschäftigte Kollegen auf eine strukturierte Versorgung wirbelsäulenverletzter Menschen vorbereiten können, etwa ATLS (advanced trauma life support) oder dessen Ableger für den außerklinischen Bereich PHTLS (prehospital trauma life support).

Prinzipiell gelte es, schnell und genau den Zustand des verunfallten Patienten einzuschätzen und danach prioritätenorientiert zu behandeln nach dem Leitsatz "Treat first what kills first!" (Behandle zuerst, was zuerst zum Tod führen könnte!), so Dr. Uwe Schweigkofler und seine Kollegen von derselben Klinik in der Zeitschrift "Trauma Berufskrankheit" (2009, 11: 106).

Stumpfe Rasanztraumen nach Abstürzen, Verkehrsunfällen und immer wieder nach Kopfsprung in seichte Gewässer sind die häufigsten Ursachen von Wirbelsäulenverletzungen. Die Halswirbelsäule ist zu 30 bis über 50 Prozent beteiligt. Der Unfallhergang, die Schmerzangaben sowie die periphere Sensomotorik geben erste Anhaltspunkte.

Hochgradig verdächtig sind Prellmarken, Schürfwunden, Hämatome und tastbare Lücken zwischen den Dornfortsätzen sowie Achsabweichungen. Polytraumatisierte Patienten gelten bis zum Beweis des Gegenteils auch als wirbelsäulenverletzt. Besonders bei bewusstlosen Patienten mit Schädel-Hirn-Traumen soll stets von einer Verletzung der Halswirbelsäule ausgegangen werden.

Wie stets gilt es, zunächst die Vitalfunktionen zu sichern. Bei verunfallten Motorradfahrern zum Beispiel muss daher der Helm mit den entsprechenden Handgriffen möglichst von zwei Helfern ausgezogen, die Atemwege frei gemacht und, wenn nötig, intubiert werden, bevor die Halswirbelsäule mithilfe einer starren Halskrause stabilisiert wird.

In manchen Situationen müsse womöglich die weitere Protektion der Wirbelsäule sogar unterbleiben, wenn damit ein Zeitverlust und eine vitale Bedrohung verbunden wäre, so Schweigkofler.

Dennoch sei auch bei einer solchen "Crash-Rettung" stets anzustreben, dass die Wirbelsäule ausgerichtet und Torsionsbewegungen vermieden werden. Letztlich ist die sachgerechte Bergung durch die Rettungsteams auch eine Frage der Übung.

Transportiert werden wirbelsäulenverletzte Patienten in flacher Rückenlage unter kontinuierlicher achsgerechter Extension der Wirbelsäule. Treten neurologische Defizite neu auf oder nehmen Schmerzen zu, muss dem sofort nachgegangen werden.

Die Luftrettung mit ihrem schonenden und schnellen Transport in spezialisierte Zentren hat gerade aus neurologischer Perspektive prognostische Vorteile für die Betroffenen.

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