Ärzte Zeitung, 13.12.2017

Internistenkongress 2018

"Wir machen keine End-of-Life-Medizin!"

Das reine Überleben ist für Geriater und ihre Patienten nicht mehr das Entscheidende. Immer wichtiger werden Lebensqualität und Funktionalität.

Von Marco Mrusek

Geriatrie heute: „Wir machen keine „End-of-Life-Medizin!“

Fortbewegung im Alter. Für viele betagte Menschen ist ihre Funktionalität mindestens genauso wichtig wie ihr Überleben.

© cirquedesprit / stock.adobe.com

WIESBADEN. Zum ersten Mal ist ein Geriater der Erste Vorsitzende und Präsident des nächsten Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Das ist für Professor Cornel Sieber, Chefarzt für Innere Medizin, Geriatrie und Gastroenterologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg und Professor für Innere Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg, zunächst eine Wertschätzung des Faches, die auch bei seinen Geriater-Kollegen gut ankommt. Doch Sieber geht es nicht allein darum, die Geriatrie beim nächsten Kongress der DGIM angemessen zu repräsentieren.

"Es ist wichtig, dass die Betreuung betagter, multimorbider Menschen nicht nur eine Aufgabe der Geriatrie sein kann, sondern für alle Schwerpunkte der Inneren Medizin von Bedeutung sein muss", erklärt Sieber im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Für den Kongress im April 2018 hat Sieber eine Reihe von Schwerpunktthemen vorgestellt. Seine Favoriten? "Da sehe ich die Trias aus Multimorbidität, verbunden mit den Chancen und der Gefahr der Polypharmazie. Und das im Kontext einer starken Fokussierung bei Diagnose und Therapie auf die evidenzbasierte Medizin." Diese stelle für Geriater deshalb ein Problem dar, als die evidenzbasierte Medizin als Grundlage für Leitlinien diene. Diese würden jedoch für Monopathologien erarbeitet, während Siebers Patienten im Mittel acht Diagnosen hätten. "Das beißt sich dann", so der Geriater.

Mit der Multimorbidität komme auch die Bedrohung der Funktionalität der betagten Menschen. Für viele seiner Patienten aber nehme die Lebensqualität einen höheren Stellenwert als das Überleben ein, so Sieber. "Meine Patienten sagen mir immer, ich lebe gerne und ich habe ein schönes Leben gehabt. Weiterleben möchte ich aber nur in Selbstständigkeit und guter Funktionalität." Die Lebensqualität der verbleibenden Jahre sei für sie wichtiger als das reine chronologische Überleben.

Bei seiner ersten Visite fragt Sieber seine Patienten deshalb grundsätzlich, welche Symptome sie am meisten stören. "Auch wenn der Hochbetagte acht Diagnosen hat, kann er ziemlich genau sagen, was ihn am meisten stört. Das zu behandeln priorisieren wir dann." Die Therapie beschränkt sich dabei nicht auf die Geriatrie, sondern knüpft oft auch an andere Disziplinen an.

Für Sieber muss sich die Geriatrie deshalb für andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen öffnen. "Körperliche Beschwerden sind oft kombiniert mit psychischen Beschwerden, man denke nur an die Demenz!" Es gehe dann um die Frage, wie sich die Multimorbidität in den sozialen Kontext einbette. Dafür brauche es ein Team aus Pflege, Physio- und Ergotherapie, Sozialdienst, Ernährungsberatung, Psychologie und anderen Diensten.

In der Präsentation der Geriatrie am Kongress im nächsten Jahr ist Sieber eines besonders wichtig: "Ich möchte nicht, dass man Geriatrie mit End-of-Life-Medizin verbindet." Denn die Mortalität in der Akut-Geriatrie liege unter fünf Prozent. Das bedeute, erzählt Sieber, über 80 Prozent der Patienten kämen von zu Hause und praktisch gleich viele gingen auch wieder ins häusliche Umfeld zurück.

Dennoch sei die Begleitung Sterbender auch ein wichtiger Teil der Geriatrie: "Wenn man mit der Endlichkeit und der Begleitung Sterbender nicht umgehen kann, dann ist man als Geriater am falschen Platz!"

124. Kongress der DGIM

14. - 17. April 2018 in Mannheim

Kongress-Präsident ist Professor Cornel Sieber, Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Leitthema: "Innere Medizin – Medizin für den ganzen Menschen".

Infos im Web und Anmeldung: www.dgim2018.de

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