Ärzte Zeitung online, 17.05.2017
 

Rheuma

Bei ersten Symptomen gehen viele nicht zum Arzt

Symptome einer beginnenden rheumatoiden Arthritis werden in der Allgemeinbevölkerung oft nicht ernst genommen. Wie eine britische Studie nahelegt, ist die Bereitschaft, deswegen zum Arzt zu gehen, deutlich geringer als bei ersten Anzeichen von Darmkrebs oder Angina pectoris.

Von Elke Oberhofer

Bei ersten Symptomen gehen viele nicht zum Arzt

Oft unterschätzt: Ein Auf und Ab der RA-Symptome sowie ein langsamer Beginn sprechen für viele Patienten häufig eher dafür, mit einem Arztbesuch abzuwarten.

© Robert Kneschke / Fotolia.com

BIRMINGHAM. Der frühe Therapiebeginn trägt bei der rheumatoiden Arthritis (RA) entscheidend dazu bei, Gelenkschäden und Behinderung zu vermeiden. Dies setzt jedoch voraus, dass die Betroffenen erste Beschwerden richtig deuten und frühzeitig ärztliche Hilfe suchen.

Um herauszufinden, wie verbreitet entsprechende Kenntnisse in der Allgemeinbevölkerung sind, haben Forscher um Dr. Gwenda Simons von der University of Birmingham zwei Studien mit Fallvignetten durchgeführt (Arthr Care Res 2017; online 10. April). Die Teilnehmer wurden mit charakteristischen Symptomen konfrontiert und befragt, wie sie reagieren würden, wenn sie diese bei sich selbst feststellten. Neben verschiedenen RA-Vignetten (Gelenkschmerzen und Steifheit mit bzw. ohne Schwellung) wurden den Teilnehmern zum Vergleich auch Darmkrebs- sowie Angina-pectoris-Symptome zur Beurteilung vorgelegt.

Interview über eine Stunde

An der ersten Studie nahmen 31 Probanden im Alter zwischen 23 und 84 Jahren teil, die die Forscher in zwei Allgemeinarztpraxen rekrutiert hatten. Die Teilnehmer konnten im Rahmen eines einstündigen semistrukturierten Interviews in eigenen Worten schildern, wie sie die vorgegebenen Symptome empfanden, mit welchen Ursachen sie diese in Zusammenhang brachten und was sie angesichts dessen unternehmen würden.

In der zweiten Studie wurde ein Fragebogen an 3400 Patienten von Allgemeinarztpraxen (Alter: 18 bis 96 Jahre) verschickt, in dem insgesamt fünf Fallvignetten beschrieben wurden. Diese beinhalteten folgende Konstellationen:

» Gelenkschmerzen und Steifheit der Hände und Handgelenke

» Wie 1 plus Schwellungen an Händen und Handgelenken

» Gelenkschmerzen, Steifheit und Schwellungen an Füßen und Knöcheln

» Charakteristische Symptome für Darmkrebs

» Charakteristische Angina-pectoris- Symptome

Für jede der fünf Vignetten sollten die Teilnehmer angeben, wie ernst sie die Symptome empfanden und wie rasch sie deswegen ärztliche Hilfe suchen würden. Beides konnte auf einer Fünf-Punkte-Likert-Skala abgetragen werden. Ausgewertet wurden die Daten von 1088 Teilnehmern.

Darauf, dass es sich um eine RA handeln könnte, kamen in der Gesamtauswertung nur 14 Prozent der Teilnehmer, wenn sie die oben genannte erste Vignette auswerten sollten. Wurden Schwellungen an den Händen erwähnt, waren es 15 Prozent, bei Schwellungen, die vor allem die Füße betrafen, sank der Anteil auf elf Prozent. Wesentlich häufiger fiel dagegen der Begriff "Arthrose" (dazu zählten auch "Gicht" oder "Entzündung"). Die entsprechenden Anteile lagen bei 48, 35 und 33 Prozent.

Die Kombination "Schmerzen und Steifheit an den Händen" interpretierten die Befragten oft als "Alterserscheinung" oder "Verschleiß"; viele gaben an, selbst darunter zu leiden. Auf die Diagnose RA kamen in diesem Zusammenhang nur wenige, und wenn doch, handelte es sich meist um medizinisches Fachpersonal.

Kam die Schwellung hinzu, wurden die Teilnehmer generell unsicherer. Bei den Symptomen in den Füßen war zumindest einigen klar, dass sich eine "Arthrose" an mehreren Gelenken gleichzeitig abspielen könne.

In puncto Dringlichkeit eines Arztbesuchs gab es deutliche Unterschiede: Für manche stand ein Befall in jüngerem Alter für eine schwerere Erkrankung, für andere klang ein plötzlicher Symptombeginn besonders ernst. Die Kombination mit der Schwellung wurde von vielen als ernster angesehen als die ohne Schwellung. Insgesamt tendierten die Befragten dazu, die RA-Symptome nicht für besonders besorgniserregend zu halten. Mit dem Arztbesuch würden die meisten zumindest einige Wochen abwarten; nicht selten war man sogar bereit, "mit den Beschwerden zu leben".

Deutlich größere Besorgnis war dagegen bei den geschilderten Darmkrebssymptomen zu spüren: Hier wurde vor allem der Befund "Blut im Stuhl" als ernstes Symptom wahrgenommen, das einen umgehenden Arztbesuch erfordere. Immerhin 47 Prozent der Befragten konnten die Symptome korrekt der Diagnose "Darmkrebs" zuordnen, berichten Simon und Kollegen. Nicht wenige gaben dabei an, über die britische Aufklärungskampagne "BCOC" (Be Clear on Cancer) von den entsprechenden Symptomen gehört zu haben.

Ähnlich die Ergebnisse für die Angina-pectoris-Vignette: Die geschilderten Symptome wurden oft mit dem Herzen oder einem "Herzanfall" in Verbindung gebracht. 32 Prozent identifizierten sie korrekt als Ausdruck einer Angina oder eines Herzinfarkts. Auch hier war den meisten Teilnehmern klar, dass sie im entsprechenden Fall dringend Hilfe benötigen würden.

Darmkrebs deutlich besser erkannt

Bei der direkten Gegenüberstellung zeigte sich, dass Darmkrebs und Angina deutlich besser erkannt wurden und dass die Teilnehmer sich wegen entsprechender Symptome deutlich eher beim Arzt vorstellen würden als bei RA-Symptomen. Bei Letzteren sprachen ein Auf und Ab der Symptome sowie ein langsamer Beginn aus Sicht der Befragten eher dafür, abzuwarten.

"Die Tatsache, dass bei langsamem Symptombeginn erst relativ spät ärztliche Hilfe gesucht wird, ist besorgniserregend", so Simons und ihr Team; schließlich seien Patienten mit akutem Beginn bei RA eher die Ausnahme. Die Autoren fordern nun gezielte Aufklärungskampagnen: Frühere Studien hätten gezeigt, dass man damit das Erkennen von Symptomen verbessern und so erreichen könnte, dass die Betroffenen eher zum Arzt gingen. Die Erfolge der Darmkrebskampagne seien hierfür das beste Beispiel.

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