Ärzte Zeitung online, 29.09.2017

Infertilität

Testosteron schadet!

Was tun, wenn ein Kinderwunsch unerfüllt bleibt? Ein Androloge klärt über die wichtigsten Ursachen für Infertilität beim Mann auf.

Von Thomas Meißner

Testosteron schadet!

Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, gilt es die richtigen Fragen zu stellen, um der Ursache für eine mögliche Unfruchtbarkeit auf die Spur zu kommen.

© thingamajiggs /stock.adobe.com

DRESDEN. In Deutschland sind Mütter und Väter immer älter, wenn sie das erste Mal Eltern werden. Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, gilt es die richtigen Fragen zu stellen.

Bereits anamnestisch ergeben sich unter Umständen Hinweise, warum der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, erklärte der Münchner Androloge Dr. Philip Hüppe beim Urologiekongress in Dresden. Zum einen ist das Alter der Frau zu beachten: Kann bei 35-jährigen Frauen, die ein Jahr lang ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt haben, zu 66 Prozent mit einer erfolgreichen Spontanschwangerschaft gerechnet werden, liegt diese Quote ab dem 40. Lebensjahr bei nur noch 44 Prozent. Eine der wichtigsten Fragen lautet daher: "Wie lange besteht schon der Kinderwunsch?" "Je länger, desto unwahrscheinlicher wird deren Erfüllung auf normalem Wege", sagte Hüppe. Ab einem Jahr erfolgloser Versuche sollte sich der Mann bei einem Andrologen untersuchen lassen, je nach Alter der Partnerin gegebenenfalls auch früher.

Zu klären sind zudem Vorerkrankungen: Zwei von drei Männern, die ein Malignom durchgemacht haben, sind danach infertil. Daher soll jungen Männern vor onkologischen Therapien die Kryokonservierung von Spermien angeboten werden. Voroperationen am Urogenitaltrakt oder Vasoresektionen im Rahmen von Krebsoperationen sind mögliche Ursachen für mangelnde Fertilität.

Wichtiger noch: Der Maldeszensus testis werde in Deutschland nach wie vor viel zu spät diagnostiziert, kritisierte Hüppe. Bei beidseitigem Maldeszensus bestehe mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Azoospermie. An dieser Stelle bedürfe es einer verstärkten Aufklärung in der Bevölkerung.

Des Weiteren zählte Hüppe diverse Medikamente auf, die die Fertilität beeinträchtigen können: Antihistaminika, H2-Rezeptor-Blocker, Antidepressiva, Anabolika und Testosteron stören die gonadotrope Achse. "Es ist erschreckend, wie oft Ärzte bei Kinderwunsch Testosteron verordnen", kritisierte der Urologe. Offenbar sei das auf fehlendes Verständnis der Wirkungen auf die Gonadotropine zurückzuführen – die Testosteronersatztherapie kann die Spermatogenese unterdrücken.

Die Frage, wie genau das Geschlechtsleben aussehe, sei ebenfalls nicht trivial. "Man ahnt nicht, was da für Antworten kommen." Zumindest die Frequenz des Geschlechtsverkehrs und ob dieser zyklusgesteuert erfolgt ist, gehöre deshalb in die Anamnese. Für die weitere Diagnostik der Infertilität des Mannes nehmen Andrologen diverse klinische, bildgebende und endokrinologische Untersuchungen vor.

Übrigens: Wenn es um die Diagnostik des infertilen Mannes geht, haben Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Andrologie einen völlig neuen Stellenwert erhalten. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss hat beschlossen, dass bei Paaren, die eine ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) vornehmen lassen wollen, eine der Voraussetzungen für die Kostenübernahme ist, dass sich der Mann bei einem Andrologen hat untersuchen lassen.

90% beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Azoospermie bei Männern mit beidseitigem Maldeszensus testis.

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