Ärzte Zeitung, 09.09.2010

Blasenschwäche muss frau nicht hinnehmen

Zu Belastungsinkontinenz kommt es durch plötzlichen Druckanstieg im Bauch, erst beim Niesen oder Lachen, später gar beim Aufstehen, beim Laufen oder im Liegen. Die Therapie bei Frauen: Training, Medikation und Op.

Von Angela Speth

Blasenschwäche muss frau nicht hinnehmen

Beckenbodentraining - hier mit Fitnessball - eignet sich zur Vorbeugung und zur Therapie bei Inkontinenz.

© Lerich / fotolia.com

MÜNCHEN. Ein Drittel der Frauen über 50 Jahre hat eine Belastungsinkontinenz, viele zugleich einen Descensus genitalis. Risikofaktoren für den unzureichenden Verschluss der Harnröhre sind Alter, Schwangerschaft, Menopause, genetische Disposition, Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch starker Husten bei Asthma und COPD, chronische Obstipation und lange, harte körperliche Arbeit begünstigen die Störung.

Zur Erstdiagnostik gehören nach Angaben von Dr. Ricarda Bauer aus München außer Anamnese und körperlicher Untersuchung auch Urinuntersuchung, Restharnbestimmung, Beurteilung der Lebensqualität mit standardisiertem Fragebogen (etwa ICIQ-SF), Trink- und Miktionsprotokoll, Husten- und Pad-Test mit Wiegen der Vorlage (Uro-News 2010; 3: 42). Danach empfehlen die Leitlinien einen Therapieversuch, versagt er, ist eine Urodynamik angezeigt.

Der erste Behandlungsschritt besteht in einer Änderung des Lebensstils, vor allem Abnehmen. Physiotherapie - Beckenbodentraining mit oder ohne Biofeedback, Elektrostimulation oder hochenergetische Magnetfeldtherapie - stärkt die Beckenbodenmuskeln und bessert deren Koordination. Wichtig sei die fachliche Anleitung, betont Bauer, Aushändigen eines Merkblatts nütze wenig.

In großen randomisierten Studien hat der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin (2 x 40 mg/Tag) die subjektiven Beschwerden bei 62 Prozent der Patientinnen gemildert. Um die unerwünschten Wirkungen gering zu halten, solle die Medikation zu Beginn eingeschlichen werden. Pessare und Tampons sind eine Option, wenn eine Op kontraindiziert ist oder für bestimmte Situationen wie Joggen.

Bei der operativen Therapie sind spannungsfreie Schlingen (TVT) aus Propylen Goldstandard. Sie werden von vaginal unter die mittlere Harnröhre platziert, entweder retropubisch oder transobturatorisch. Die Erfolgsraten reichen von 80 bis 95 Prozent.

Bei Multimorbidität: Bulking Agents und Minischlinge

Die Kolposuspension ist heute Spezialindikationen vorbehalten, etwa bei abdominalem Deszensus oder Rezidiv. Die Erfolgsraten liegen bei 70 Prozent nach fünf Jahren.

Für sehr alte und multimorbide Patientinnen kommen einfach einzubringende Mittel in Frage. Etwa die Minischlinge, die durch eine einzige Inzision unter Lokalanästhesie gelegt werden kann. Oder Bulking Agents: Sie komprimieren die Harnröhre, wirken aber nur kurzfristig.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wann das Smartphone für Kinderaugen gefährlich wird

Kleine Kinder sollten lieber mit Bauklötzen spielen als mit Smartphones, raten Augenärzte. Denn: Wenn die Kleinen häufig und lange auf Bildschirme starren, leiden nicht nur ihre Augen. mehr »

Auf Zungenküsse besser verzichten?

Zungenküsse erhöhen offenbar das Risiko für HPV-Infekte und damit auch für Mund-Rachen-Tumoren. US-Experten haben sich das Krebsrisiko jetzt einmal genauer angesehen. mehr »

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten im Konzert? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Orchester bietet beiden eine ganz besondere Konzertreihe - mit drei verschiedenen Formaten. mehr »