Ärzte Zeitung, 26.04.2011

Überaktive Blase: Gute Chance der Remission

Bei knapp der Hälfte der Patienten mit überaktiver Blase, aber noch ohne Inkontinenz, bessern sich die Symptome wieder.

Von Angela Speth

Überaktive Blase: gute Chance der Remission

Für Patienten mit überaktiver Blase ein Muss: alles stehen und liegen lassen und zur nächsten Toilette stürzen.

© Gina Sanders / fotolia.com

DÜSSELDORF. Typisch für die überaktive Blase (ÜAB) ist ein Komplex von Symptomen, der leicht mit der Detrusorüberaktivität verwechselt wird. Die Beschwerden können sich im Lauf der Jahre verschlimmern, aber durchaus auch mildern. Das gilt für Männer wie Frauen. Für die Beratung ist das ein wichtiges aktuelles Forschungsergebnis.

Ab 60 Jahre beträgt die Prävalenz 25 Prozent

Die Häufigkeit der ÜAB steigt linear mit dem Alter. Ab dem 60. Lebensjahr machen die charakteristischen Beschwerden etwa einem Viertel der Männer ebenso wie der Frauen zu schaffen: ein starker, ohne Vorwarnung auftretender Harndrang mit oder ohne Inkontinenz, der sie zwingt, tagsüber und nachts gehäuft zur Toilette zu eilen. Ein Harnwegsinfekt oder sonst eine Störung ist dabei nicht festzustellen.

Bei der ÜAB handelt es sich um einen Symptomenkomplex, erinnerte Universitätsdozent Stephan Madersbacher beim Uro Update in Düsseldorf. Er sei nicht zu verwechseln mit dem urodynamischen Befund der Detrusorüberaktivität. Denn einerseits lassen sich bloß bei etwa der Hälfte der ÜAB-Patienten solche verstärkten Muskelkontraktionen nachweisen. Und andererseits haben 20 bis 30 Prozent der Patienten mit urodynamisch verifizierter Detrusorüberaktivität keinerlei klinische Symptome.

Die ÜAB ist ein fluktuierendes Geschehen, das fortschreitet, sich aber auch wieder zurückbilden kann. Das bestätigt eine systematische Zusammenschau, die der Urologe aus Wien vorstellte mit dem Hinweis an die Zuhörer, das Ergebnis für die Beratung der Patienten zu beachten. Gestützt werde es durch zwei aktuelle Studien zum Langzeitverlauf: die eine bei Frauen, die andere bei Männern.

Bei den knapp 400 Frauen im Alter zwischen 21 und 81 betrug die Prävalenz zu Beginn 19 Prozent, nach 6,5 Jahren 27 Prozent. Rund die Hälfte der Teilnehmerinnen mit trockener ÜAB zu Beginn hatten am Ende keine Symptome mehr, bei 11 Prozent war die Störung zur nassen ÜAB fortgeschritten, bei 38 Prozent unverändert geblieben. Bei den Frauen mit anfangs nasser ÜAB hatte nur ein Viertel am Schluss eine partielle oder komplette Remission.

Ähnliches ergab sich für Männer: Bei den rund 2300 Studienteilnehmern im Alter zwischen 45 und 103 stieg die ÜAB-Prävalenz in elf Jahren von 16 auf 44 Prozent. Zur kompletten Remission kam es bei 37 Prozent der Männer mit trockener ÜAB.

Seit etwa zwei Jahren konzentriere sich die Forschung auf die afferente Seite des Miktionsreflexes, berichtete Madersbacher. In einer Übersicht zum Wissensstand beschreiben die Autoren zwei afferente Wege. Der urotheliale bildet eine funktionelle Einheit aus Urothel, interstitiellen Zellen und Nerven der Lamina propria. Die Signale werden über Mechanorezeptoren in Mukosa oder Muskeln übertragen. Der muskuläre Weg werde über eine Serie von Mechanorezeptoren aktiviert als Folge von Dehnung und Kontraktion.

Ein Wachstumsfaktor könnte sich als Biomarker eignen

Weiterhin untersucht eine Arbeitsgruppe den Nervenwachstumsfaktor (NGF) als Biomarker für die ÜAB. Demnach sind bei ÜAB-Patienten die NGF-Spiegel im Urin erhöht. Sie sinken bei Therapie sowohl mit Anticholinergika als auch mit Botulinumtoxin. Die Forscher folgern, dass NGF zur ÜAB-Diagnostik infrage kommt. Zudem fanden sie erhöhte Konzentrationen an inflammatorischen Zytokinen und schlossen, dass Entzündungs- und Reparaturprozesse die Überaktivität der Blase begünstigen.

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