Ärzte Zeitung online, 17.09.2010

Nieren trotz Gewebeunverträglichkeit erfolgreich verpflanzt

HEIDELBERG (eb). Spendernieren können erfolgreich transplantiert werden, auch wenn zwischen Spender und Empfänger starke Gewebeunverträglichkeiten bestehen.

Nieren trotz Gewebeunverträglichkeit erfolgreich verpflanzt

Nierentransplantation trotz unterschiedlicher Gewebemerkmale: Heidelberger Ärzte haben ein neues Therapiekonzept dafür entwickelt.

© EmeCeDesigns / shutterstock.com

Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Uniklinik Heidelberg hat in einer Studie mit 34 sensibilisierten Hochrisiko-Patienten gezeigt, dass sich die Erfolgsrate dieser Patienten nicht von der Erfolgsrate mit geringem immunologischem Risiko unterscheidet; nach einem Jahr funktionierten noch etwa 95 Prozent der verpflanzten Organe. Speziell für diese Gruppe von Hochrisiko-Patienten haben die Heidelberger Wissenschaftler ein ausgeklügeltes Therapiekonzept entwickelt. Veröffentlicht hat die Studienergebnisse die Arbeitsgruppe um Privatdozent Christian Morath vom Nierenzentrum der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg und Professor Caner Süsal vom Universitätsklinikums Heidelberg (Transplantation online).

Körpereigene Abwehr lebenslang unterdrückt

Wenn die Nieren nicht mehr arbeiten, müssen die Patienten entweder regelmäßig zur Dialyse oder sie erhalten eine Spenderniere. Das Organ kommt dabei entweder von hirntoten Spendern oder als Lebendspende von einer dem Patienten nahestehenden Person. Blutgruppe und Gewebeverträglichkeitsmerkmale, als HLA-Merkmale bezeichnet, von Spender und Empfänger sollten möglichst übereinstimmen. Da der Empfängerorganismus selbst bei gleichen HLA-Merkmalen immer versucht, das fremde Organ abzustoßen, müssen die Patienten nach der Transplantation lebenslang Medikamente einnehmen, die die körpereigene Abwehr unterdrücken.

Daten aus der weltweit größten Datenbank

Forscher der Heidelberger Abteilung für Transplantationsimmunologie sammelten mehrere Jahre lang Daten in der weltweit größten Datenbank zur Nierentransplantation (Collaborative Transplant Study), um immunologische Hochrisiko-Patienten zu identifizieren. Solche Patienten haben zum Beispiel nach Schwangerschaften, Bluttransfusionen oder Vortransplantationen Antikörper gegen fremde Gewebemerkmale gebildet und deshalb nur geringe Chancen, ein Spenderorgan zu erhalten, bei dem die Gewebeübereinstimmungsprobe, das Crossmatch, direkt vor der Operation negativ ausfällt. "Das Risiko, dass das transplantierte Organ schon bald nach der Operation wieder abgestoßen wird, ist bei ihnen besonders groß." Nur mit zusätzlichen Maßnahmen könnten bei Hochrisiko-Patienten Transplantationen erfolgreich verlaufen, sagte Professor Caner Süsal von der Abteilung für Transplantationsimmunologie.

In der aktuellen Studie erhielten 34 immunologische Hochrisiko-Patienten vor und nach der Transplantation der Spenderniere eines Hirntoten (28) oder eines Lebendspenders (6) eine Plasmapherese oder Immunadsorption. Dies sind Verfahren, die vorhandene Antikörper aus dem Blut der Organempfänger entfernen. Zusätzlich bekamen die Patienten das Medikament Rituximab, das jene Zellen, die neue Antikörper bilden könnten, zerstört. Mit Hilfe der intensivierten Immunsuppression und einer engmaschigen Überwachung eventueller Abstoßungsreaktionen waren rund 95 Prozent der transplantierten Nieren nach einem Jahr weiterhin funktionsfähig.

Komplikationen der im Vergleich zu nicht-immunisierten Patienten stärkeren Immunsuppression waren selten und gut beherrschbar. Mit Hilfe der von ihnen getesteten Kriterien können die Heidelberger Wissenschaftler fremde Nieren bei jenen Patienten erhalten, die früher meist lebenslang an der Dialyse bleiben mussten, und das mit Erfolgsraten, die denen bei nicht immunisierten Patienten entsprechen. "Unser Hochrisikopatienten-Programm ist ein gutes Beispiel dafür, wie Ergebnisse aus der Forschung nach intensiver Evaluierung erfolgreich in die Klinik umgesetzt werden", so Morath und Dr. Jörg Beimler vom Nierenzentrum der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. "Wenn wir nach der neuen Handlungsanleitung vorgehen, sind Barrieren wie Blutgruppenunverträglichkeiten und positives Crossmatch kein Ausschlusskriterium mehr für eine Transplantation", ergänzt Professor Jan Schmidt, Sektionsleiter der Transplantationschirurgie.

Der jüngste Patient im Programm ist 13 Jahre jung

Inzwischen wurden in Heidelberg 49 Patienten erfolgreich nach dem Schema behandelt, zuletzt ein Kind, das mit 13 Jahren der bisher jüngste Patient ist, der von dem Programm profitiert hat. "Der Junge ist wohlauf und die Niere hat ihre Arbeit bereits komplett aufgenommen", berichtet Professor Burkhard Tönshoff, Leitender Oberarzt am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin.

Die Transplantation der Hochrisiko-Patienten erfordert einen täglichen, manchmal auch mehrfach täglichen, Informationsaustausch zwischen den Spezialisten und eine reibungslose interdisziplinäre Kommunikation. Die hervorragenden Ergebnisse zeigen, dass die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen am Transplantationszentrum in Heidelberg gut funktioniert.

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