Ärzte Zeitung, 12.10.2015

Transplantation

Gute Prognose auch bei Nieren zweiter Wahl

Der langfristige Erfolg einer Leichennieren-Transplantation ist schlechter, wenn der Organspender nur den erweiterten Kriterien genügt. Durch geeignete Empfängerauswahl kann das Ergebnis aber erheblich verbessert werden.

Von Beate Schumacher

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Auch mit Organen von älteren oder kranken Spendern sind gute Transplantationsergebnisse zu erzielen.

© Jan-Peter Kasper / dpa

PARIS. Aufgrund des Mangels an Spenderorganen stammen in Europa heute schon bei etwa 50 Prozent der Leichennieren-Transplantationen die Organe von Spendern, die nicht die Standardkriterien erfüllen (standard criteria donors, SCD).

Spender mit erweiterten Kriterien (expanded criteria donors, ECD) haben entweder schon das 60. Lebensjahr erreicht oder sie sind zwischen 50 und 59 Jahre alt, leiden aber bereits an Gefäßerkrankungen.

Ausschlaggebend für das Langzeitergebnis einer Nierentransplantation mit ECD-Organen sind, einer französischen Studie zufolge, vor allem zwei Faktoren - die Anwesenheit von donorspezifischen Anti-HLA-Antikörpern (donor specific antibody, DSA) beim Empfänger zum Zeitpunkt der Transplantation und die Länge der kalten Ischämiezeit.

Sofern die Rezipienten keine DSA aufweisen und die Ischämiezeit unter 12 Stunden bleibt, ist das Transplantatüberleben ähnlich gut wie mit SCD-Organen (BMJ 2015; 351: h3557).

Die Studienautoren um Olivier Aubert vom INSERM in Paris empfehlen daher, speziell bei der Verteilung von ECD-Nieren diese beiden Kriterien stärker zu berücksichtigen.

Mehrheit lebt nach sieben Jahren noch

Die Ärzte haben den Erfolg von 2763 Transplantationen ausgewertet, die zwischen 2004 und 2011 vorgenommen worden waren. 916 Patienten (33,2 Prozent) hatten ECD-Nieren erhalten.

Nach sieben Jahren lebten noch 80 Prozent von ihnen mit dem Spenderorgan. In der Gruppe mit SCD-Nieren war dies bei 88 Prozent der Patienten der Fall.

Die Prognose der ECD-Patienten war besonders schlecht, wenn ihr Serum am Tag der Organverpflanzung positiv auf zirkulierende DSA getestet worden war (mittlere Floureszenzintensität über 500 Einheiten).

Die mittlere Lebenszeit einer ECD-Niere bei einem DSA-positiven Empfänger lag bei 4,6 Jahren - gegenüber 9,5 Jahren bei einem DSA-negativen Empfänger. Das Sieben-Jahres-Überleben betrug 44 versus 85 Prozent.

Zum Vergleich: Bei Patienten mit SCD-Nieren lag das Sieben-Jahres-Überleben bei 73 Prozent mit DSA und bei 90 Prozent ohne DSA. Damit war das Risiko, die Niere binnen sieben Jahren zu verlieren, bei DSApositiven ECD-Patienten 4,4-mal so hoch wie bei DSA-negativen und sogar 5,6-mal so hoch wie bei allen anderen Patienten zusammen.

Schon ein Jahr nach der Transplantation hatten die Nieren in der ECD-Gruppe mit DSA den stärksten Funktionsverlust. Auch die histologische Beurteilung fiel bei ihnen deutlich schlechter aus als bei ECD-Patienten ohne DSA.

Ob es zu einem Transplantatversagen kam, war bei ECD-Nieren außer vom Nachweis von DSA hauptsächlich von der kalten Ischämiezeit abhängig: Wenn die Konservierungszeit zwischen 12 und 24 Stunden lag, war das Risiko um den Faktor 2,5, bei Zeiten über 24 Stunden um den Faktor 3,8 erhöht.

Der Nachweis zirkulierender DSA am Tag der Operation ging mit einem 4,6-fach erhöhten Risiko einher. Dabei waren höhere DSA-Spiegel mit höheren Risiken für den Transplantatverlust verknüpft.

Im Gegensatz dazu hatte die bioptische Beurteilung der Spenderniere vor der Übertragung keinen eigenständigen Wert bei der Abschätzung der Prognose.

[12.10.2015, 15:36:57]
Dr. Hartwig Raeder 
Erklärung
Kadaver sind tote Tiere. In der Nephrologie bezeichnet man Nieren von verstorbenen menschlichen Spendern vielleicht nicht ganz glücklich als Kadavernieren (englisch: cadaveric kidneys). Ich habe noch nie Nieren transplantiert. Die eGFR wird geschätzt und nicht berechnet. Deswegen heißt sie so. Für Vergleichszwecke normiere ich bei meinen Patienten sogar die GFR vom Labor regelmäßig nach der von mir entwickelten Formel GFR(1,73 m²/KOF). Die Anwendung dieser Formel ist zwingend erforderlich für die Bestimmung des Stadiums der Niereninsuffizienz und auch für die Klassifikation nach der ICD 10. Internationale Leitlinien fordern die Anwendung dieser Formel. Denn das Labor kennt weder Größe noch Gewicht der Patienten, kann also nicht beurteilen, ob Ihr Patient ein kleiner Gesunder oder ein großer Kranker ist. zum Beitrag »
[12.10.2015, 14:22:47]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Happy Cadaver" ???
Was sollen denn, bitteschön, "Kadavernieren" sein? Und wann haben Sie denn die letzte selbst transplantiert? Oder deren eGFR selbst berechnet? Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[12.10.2015, 13:16:37]
Dr. Hartwig Raeder 
Kadavernieren
Wer sagt denn, dass nicht mehr durchblutete Nieren nicht mehr transplantabel sind? Nieren sind sich selbst reinigende Filter. So leicht gehen sie nicht kaputt. Während des Transportes werden sie ja auch nicht durchblutet. Echte Renorenalsyndrome sind selten. Gewiss gibt es Erfahrungswerte für den zeitlichen GFR-Rückgang bei Kadavernieren. Dieser Rückgang wäre dann wohl irreversibel. zum Beitrag »
[12.10.2015, 11:19:29]
Dr. Hartwig Raeder 
Ergänzung
Es gibt zwei verschiedene Arten der Erfolgsmessung der transplantierten Nieren. Hier wird nur die Zeitspanne bis zum Transplantatversagen beschrieben. Nicht erwähnt wird dagegen die Nierenfunktion des Empfängers. Diese ist weit gehend unabhängig von der GFR der betroffenen Niere beim Spender. Beim Empfänger kann die verpflanzte Niere trotz des Transportes sogar eine wesentlich bessere GFR als beim Spender haben. Wenn der Spender ein schweres Extrarenalsyndrom und der Empfänger nur ein Renorenalsyndrom hat, dann ist bei identischer Körperoberfläche die GFR der transplantierten Niere beim Empfänger deutlich besser als beim Spender. Dieser Zusammenhang wird von den Nephrologen regelmäßig und fahrlässig nicht beachtet. Aus diesem Grundsatz folgt auch die Kontraindikation einer Nierentransplantation bei Patienten mit einem Extrarenalsyndrom. Hier ist nur die Nierendialyse angezeigt. zum Beitrag »
[12.10.2015, 11:18:54]
Heidemarie Heubach 
Begriffsvernebelung "Leichennieren"
So harmlos dieses Wort daher kommt, ist es - leider - nicht: die sogenannten "Hirntoten", die ja - neben Lebendspendern - ausschließlich zur Organentnahme zugelassen wurden, sind ja erst im Sterbeprozeß, weshalb ihnen gut durchblutete Organe, z.B. Nieren, entnommen werden können zwecks Transplantation. Organe aus Leichen sind ja mangels Durchblutung nicht mehr transplantationsfähig. Oder meint "Leichenniere", daß diese Niere von einem Menschen stammt, der - zwecks Transplantation - durch Ärztehand zur Leiche gemacht wurde durch Organentnahme ? Also ein Euthanasie-Organ ? zum Beitrag »

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