Ärzte Zeitung online, 12.03.2018

Dialyse

Nierenkranke junge Flüchtlinge stellen Ärzte vor Probleme

Aus Krisengebieten kommen zunehmend nierenkranke Kinder und Jugendliche nach Deutschland. Welche Schwierigkeiten es bei der Versorgung gibt, erklären Hamburger Ärzte.

Von Thomas Meißner

Nierenkranke junge Flüchtlinge stellen Ärzte vor Probleme

Flüchtlinge an der Dialyse: Vor allem Sprachprobleme erschweren die Therapie.

© picsfive / stock.adobe.com

HANNOVER. 45 Prozent der 2017 nach Deutschland gekommenen Asylbewerber sind Kinder und Jugendliche. Der Anteil ist damit seit 2015 (31 Prozent) deutlich gestiegen. Nicht wenige der Kinder sind chronisch krank, zum Beispiel nierenkrank bis hin zur Dialysepflicht.

 Fast ein Viertel der Nierenerkrankungen bei Flüchtlingen seien Nierendysplasien, sagte Privatdozent Dr. Jun Oh vom KfH Nierenzentrum für Kinder- und Jugendliche am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie (GPN) in Hannover. Hinzu kommen etwa Refluxnephropathien und fokal-segmentale Glomerulosklerosen.

Ursache oft unklar

Bei vielen Kindern und Jugendlichen sei die Ursache der jeweiligen Nierenerkrankungen jedoch völlig unklar. "Sie kommen ohne Eltern, ohne Unterlagen und so können wir die Ursachen nur schwer herausbekommen", berichtet Oh; die Kommunikation sei schwierig.

Der Kindernephrologe ging auf die Problematik der Patienten aus syrischen Kriegsgebieten ein: Dort sei die Dialysequalität mangelhaft, Hämodialysen seien nur schwer zu bekommen. Oft finden die Dialysen nur einmal pro Woche statt, Erythropoese-stimulierende Medikamente seien kaum verfügbar, ebenso wenig Vitamin D.

Die Sterberate liegt bei fast 50 Prozent. Früher bestehende Transplantationsprogramme sind weitgehend zusammengebrochen.

Eppendorf verzeichnet hohen Flüchtlingsanteil

Die kindernephrologische Sprechstunde in Hamburg-Eppendorf verzeichnet seit 2015 eine stetige Zunahme der Prädialyse-Patienten. "25 Prozent dieser Kinder sind Flüchtlingskinder", erklärte Oh. Damit kommen erhebliche Mehrbelastungen auf die Dialysezentren zu. Herausforderungen sind zum einen die Kommunikationsprobleme.

Zum anderen ist es unklar, wie sich die Familien im Alltag ernähren. Ernährungsempfehlungen lassen sich angesichts dessen allenfalls eingeschränkt umsetzen.

Der Wechsel von Hämo- auf Peritonealdialyse ist bei Flüchtlingsfamilien mit Vorurteilen und Vertrauensverlust verbunden. Denn in den Herkunftsländern wird dies mit einer schlechten Prognose assoziiert. Manche Familien kommen mit falschen Hoffnungen und Erwartungen.

Die Tatsache, dass zuvor überwässerte Kinder unter der effektiven Dialyse plötzlich kachektisch aussehen, sorgt für Diskussionen und Frustration.

Weitere Versorgungsprobleme ergeben sich aus dem unklaren Flüchtlingsstatus sowie den instabilen sozialen Verhältnissen. Zu bewältigen seien die damit verbundenen Aufgaben nur mit einem multiprofessionellen Ansatz unter Einbeziehung von Ärzten, Pflegepersonal, Psychologen, Diätassistenten, Sozialarbeitern, Erziehern und Lehrern, sagte Oh.

Wer finanziert die Behandlung?

Abgesehen davon kollidiert die medizinische Notwendigkeit von Nierentransplantationen bei Flüchtlingen mit juristischen Vorgaben und mit Fragen der Therapiefinanzierung: Zwar hat die Bundesärztekammer 2016 klargestellt, dass es nicht ärztliche Aufgabe sei, die Rechtmäßigkeit des Aufenthalts oder die Finanzierung notwendiger Leistungen vorzunehmen.

Jedoch gelten bis zu 15 Monate die Regelungen des Asylbewerberleistungsgesetzes. Erst nach Bewilligung des Aufenthaltsstatus können nach Angaben von Oh Transplantationen vorgenommen werden, weil erst dann die Bestimmungen des Sozial-und Ausländerrechts greifen.

Der Anspruch auf Kostenübernahme bestehe nur dann, wenn keine Organersatztherapie zur Verfügung steht und die Transplantation unerlässlich ist.

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