Ärzte Zeitung, 08.10.2010

Alphablocker gegen urologische Beschwerden

Urologische Störungen sind verbreitet: Bezieht man eine regionale Studie auf Deutschland, haben von den 12 Millionen Männern über 50 Jahre 5 Millionen Beschwerden des unteren Harntrakts, gut 3 Millionen eine vergrößerte Prostata und 2 Millionen eine Blasenauslass-Obstruktion.

Von Angela Speth

Alphablocker gegen urologische Beschwerden

Eine Zeichnung der Prostata sagt den Patienten mehr als viele Worte.

© sbra

DÜSSELDORF. Hochgerechnete Zahlen zur Prävalenz von Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS) ergeben sich aus einer Studie im Ruhrgebiet, der Herner LUTS-Studie. Demnach haben 40 Prozent der Männer über 50 solche Symptome, 27 Prozent eine vergrößerte Prostata und 17 Prozent eine Blasenauslass-Obstruktion, berichtete Privatdozent Matthias Oelke beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in Düsseldorf.

BPH ist eine histologische Diagnose, erinnerte Oelke: Muskel-, Bindegewebs- und Drüsenzellen haben sich - vermutlich unter Einfluss von Testosteron - gutartig verändert. Bei etwa der Hälfte der BPH-Patienten ist zugleich die Prostata vergrößert, wobei das Ausmaß des einen nicht mit dem Grad des anderen korreliert. Das gilt ebenfalls für den Zusammenhang zwischen Blasenauslass-Obstruktion und Größe der Prostata. Entscheidend für die Patienten sind daher allein die LUTS, folgerte der Urologe aus Hannover.

Zur Therapie bei diesen Beschwerden haben Alphablocker und 5-Alpha-Reduktase-Hemmer die höchste Evidenzstufe (1) und den höchsten Empfehlungsgrad (A). Das hat die DGU in ihren 2009 aktualisierten Leitlinien festgelegt. Insgesamt sind fünf Alphablocker zugelassen. Sie mildern LUTS ähnlich wirksam, ohne aber Prostata-Vergrößerung und Blasenauslass-Obstruktion zu beeinflussen. Der Effekt tritt rasch ein und hält viele Jahre an. Sie bessern alle Störungen der Harnspeicherung und -entleerung, wobei sie den IPSS-Punktwert im Vergleich zum Ausgangswert um 30 bis 40 Prozent senken. Unterschiede gibt es allerdings bei den unerwünschten Wirkungen, vor allem den orthostatischen Hypotonien.

IPSS - Internationaler Prostata Symptomen Score

In den meisten Studien dient der IPSS zur Erfassung von LUTS. Er enthält insgesamt sieben Fragen zu den irritativen Symptomen der Blasenspeicherung ("Wie oft während des letzten Monats mussten Sie nach weniger als zwei Stunden ein zweites Mal Wasser lassen?") und den obstruktiven Symptomen der Blasenentleerung ("Wie oft hatten Sie einen schwachen Strahl beim Wasserlassen?"). Bewertet wird nach einer Skala von 0 (niemals) bis 5 Punkten (fast immer). Ein Punktwert von 0 bis 7 deutet auf leichte Beschwerden, von 8 bis 19 auf mittlere und von 20 bis 35 auf schwere. Hinzu kommt eine Frage zur Lebensqualität ("Wie würden Sie sich fühlen, wenn sich Ihre Symptome beim Wasserlassen zukünftig nicht mehr ändern würden?"). (ars)

Zum ersten Mal seit fast 15 Jahren ist im Februar 2010 in der EU mit Silodosin (Urorec®) ein neuer Alphablocker gegen LUTS zugelassen worden. Im Vergleich zu den anderen Vertretern dieser Arzneiklasse (Alfuzosin, Doxazosin, Tamsulosin, Terazosin) besitzt er die höchste Uroselektivität:

Es bindet im Verhältnis 162 zu 1 bevorzugt an Alpha1A- und kaum an Alpha1B-Adrenorezeptoren. Die Alpha1A-Rezeptoren, die in Blasenhals und Prostata vorliegen, sind relevant für LUTS, bei einer Prostatahyperplasie etwa ist ihre Zahl erhöht. Die Alpha1B-Rezeptoren dagegen sind in den Gefäßwänden lokalisiert und regulieren den Blutdruck.

Weil Silodosin sie kaum zur Relaxation anregt, treten bei der Therapie auch keine Hypotonien auf, erläuterte Professor Martin Michel aus Amsterdam auf einem Symposium des Unternehmens Merckle Recordati.

Studien mit zusammen fast 2000 Teilnehmern belegen Wirksamkeit und Verträglichkeit, berichtete Professor Kurt Dreikorn aus Bremen. Die Patienten zweier US-Studien hatten im Schnitt einen IPSS-Ausgangswert von 21,3. Nach 12 Wochen war er mit Silodosin um 6,5 gefallen, mit Placebo um 3,5 (J Urol 2009; 181: 2634).

In einer europäischen Studie, vorgestellt beim 25. EAU in Barcelona, war der Wert nach 12 Wochen mit Silodosin um 7 verringert, mit Tamsulosin um 6,7, mit Placebo um 4,7. Die Trias aus Nykturie, Miktionsfrequenz und Restharngefühl hatte sich mit Silodosin bei 34 Prozent der Patienten gebessert, mit Tamsulosin bei 28 und mit Placebo bei 24 Prozent, jeweils statistisch signifikante Differenzen. Silodosin wird meist in einer Dosis von 8 mg einmal täglich zu einer Mahlzeit eingenommen.

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