Ärzte Zeitung online, 24.05.2011

Aggressive EHEC-Form sorgt für Todesfälle

Die Zahl der EHEC-Fälle steigt und steigt stündlich, Schleswig-Holstein zählt über 200, auch Bayern meldet Fälle. Bislang gibt es drei Tote. Selbst ruhige Experten zeigen sich zusehends alarmiert. Das Thema beschäftigt jetzt auch Bundesregierung und Bundestag.

Deutschland ist im "EHEC-Fieber"

EHEC in der Petrischale.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Die derzeitige Welle von enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) hat erste Todesopfer gefordert. Zwei sind bislang bestätigt, bei einem dritten Fall steht der Nachweis noch aus.

In der Nacht zum Dienstag ist in Bremen eine junge Frau mit Verdacht auf ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) gestorben.

Die schwerwiegende Komplikation ist in rund 10 Prozent der Fälle Folge einer EHEC-Infektion. Eine Labornachweis des Erreger stehe bei dem Todesfall noch aus, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Die Frau litt jedoch an typischen EHEC-Symptomen.

Einen weiteren Todesfall meldete Niedersachsen: Eine erkrankte 83-jährige Frau sei im Kreis Diepholz gestorben, teilte das niedersächsische Gesundheitsministerium in Hannover mit.

Die Seniorin war bereits am 21. Mai verstorben. Sie war sechs Tage zuvor wegen blutigen Durchfalls in stationäre Behandlung aufgenommen wurden. Ein mikrobiologischer EHEC-Nachweis war den Angaben zufolge positiv. Genaue Ermittlungen laufen derzeit.

Den dritten Todesfall meldete am Dienstagmittag Schleswig-Holstein. Im Kreis Stormarn sei bereits am 22. Mai eine ältere Patientin verstorben, teilte das Gesundheitsministerium mit. Die Frau war über 80 Jahre alt und offenbar mit EHEC infiziert.

Weitere steigende Infektionszahlen

Die Zahl der EHEC-Erkrankungen nimmt indes weiter zu. Nach Schätzungen und Berichten vom Dienstag sind womöglich mehr als 450 Menschen in der Republik infiziert oder stehen im Verdacht einer Erkrankungen. Zum Vergleich: In "normalen" Jahren erkranken im gesamten Zeitraum rund 900 Menschen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) sprach am Dienstag von mehr als 80 Patienten, die ein HUS entwickelt haben. Jährlich erkranken im Schnitt gerade einmal um die 60 Menschen.

RKI-Präsident Professor Reinhard Burger nannte die jetzigen Zahlen "erschreckend viel". Es sei bisher nicht erkennbar, dass die Entwicklung nachlasse. Burger: "Wir müssen auch klar sagen, dass wir mir Todesfällen rechnen müssen."

Auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zeigte sich alarmiert. "Die hohe Zahl schwerer Verläufe und das eher untypische Erkrankungsalter erhöhen die Brisanz der Situation", sagte DGIM-Generalsekretär Professor Ulrich Fölsch aus Lübeck.

Vor allem die Suche nach der Quelle sei besonders dringlich. Fölsch: "Hinweise auf Obst und Gemüse sind nicht bestätigt." Dies sei lediglich anzunehmen, da bislang vorwiegend Frauen betroffen sind.

"Besonders aggressive Form"

Experten vermuteten am Dienstag, dass es sich bei den jetzt vorherrschenden Erregern um besonders aggressive Formen handeln können. "So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte der EHEC-Experte Professor Helge Karch vom Uniklinik Münster sagte in einem Interview mit "Zeit Online".

Der Mikrobiologe ist Direktor des Uniklinik-Instituts für Hygiene. Er erforscht die EHEC-Bakterien sei 30 Jahren. Karch: "Das Ausmaß hat mich schon erschüttert."

Auffällig sei bei dem jetzigen Ausbruch auch die Schwere der Erkrankungen. Bei mehreren Patienten sei es zu blutigen Entzündungen gekommen. In einigen Fällen mussten die Ärzte gar Teile des Kolon entfernen.

Karch vermutet einen neuen EHEC-Typ, denn: "Diese Shigatoxine allein können einen derart schweren Ausbruch nicht verursachen." Die aktuellen Verläufe mit zerstörter Mukosa und Thromben in den Nieren seien derart aggressiv, "dass der Erreger wohl einen besonderen Giftcocktail mitbringt".

Das Team um Karch arbeitet nun fieberhaft an der Erregertypisierung. "Das werden wir in den nächsten Tagen schaffen", sagte er "Zeit Online". Dann sei auch eine bessere Eingrenzung der Infektionsquelle möglich.

Quelle auch weiterhin unklar

Nach der wird unterdessen fieberhaft gesucht - mit bislang noch mäßigem Erfolg. In Frankfurt konnte eine gemeinsame Infektionsquelle ausgemacht werden. In der Mainmetropole sind 19 Menschen erkrankt, alle sind bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers angestellt.

Alle Betroffenen sollen nach Angaben des Frankfurt Gesundheitsamtes in denselben beiden Kantinen des Unternehmens gegessen haben. Beide Casinos wurden bereits am Montag von der Behörde geschlossen. Stadt und Kantinenbetreiber vermuten eine kontaminierte Lieferung.

Bei der bundesweiten Ursachensuche mit Schwerpunkt in Norddeutschland herrschen hingegen noch immer Spekulationen vor. Eine Hypothese: Die Betroffenen haben mit Tierkot verunreinigtes Wasser getrunken.

Experten halten diese Theorie jedoch für nicht standhaft. Der Bonner Hygieniker Professor Martin Exner sagte der "Welt": "Wenn sich der Erreger über die Trinkwasserversorgung verbreitet, wären die Infektionen auf bestimmte Regionen beschränkt." Viel eher denkbar wären verunreinigte Lebensmittel.

Daher geraten zunehmend Obst und Gemüse als Hauptverdächtige ins Visier der "Ermittler". Denn auffällig bei den jetzt erkrankten Menschen ist, dass sie oft weiblich und jung sind - eine Personengruppe, die für ein gesundheitsbewusstes Leben bekannt ist. Gemüse und Obst stehen bei ihnen oft ganz oben auf der Einkaufliste.

Hoher Anstieg der Erkrankungen im Norden

Während Ärzte und Infektiologen weiter nach dem Quell des Übels suchen, gaben die Länder auch am Dienstag stündlich neue Erkrankungszahlen bekannt. So ist in dem stark betroffenen Land Schleswig-Holstein die Zahl der Verdachtsfälle auf über 200 gestiegen. Am Montag war noch die Rede von 90 Fällen.

Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) sagte, die Situation werde sehr ernst genommen. Der Mikrobiologie Professor Werner Solbach von der Uniklinik Schleswig-Holstein fand drastischere Worte: "Diese Entwicklung übersteigt jedes historische Maß."

Neue Erkenntnisse zur Quelle der Infektionen gibt es bislang nicht. Über die weitere Verbreitung könne man bislang nichts Seriöses prognostizieren, sagte die Infektionsschutzexpertin Dr. Anne Marcic vom Kieler Gesundheitsministerium.

Erstmals auch Fälle im Süden, Berlin und Brandenburg

Erste Erkrankungsfälle wurden nun auch aus Bayern gemeldet. Betroffen seien bislang zwei Menschen, teilte Landesgesundheitsamt in Erlangen mit. Bei beiden sei EHEC nachgewiesen worden. Zudem gebe es einen weiteren Verdachtsfall, der noch geprüft werde.

Zunächst wurde der Fall einer 28-jährigen Frau aus Bayreuth bekannt. Sie hatte sich mit EHEC infiziert und wird stationär behandelt. Nach Berichten von Lokalmedien war sie kurz zuvor von einem Aufenthalt in Norddeutschland zurückgekehrt.

Auch im Südwesten gibt drei Menschen, die an einem HUS erkrankt sind. Das baden-württembergische Gesundheitsministerium prüft derzeit bei einem Fall, ob er mit dem Erkrankungsherd im Norden zusammenhängt.

In Berlin sind Berichten aus Kliniken zufolge bislang fünf Fälle bekannt, darunter zwei an der Charité. Bei allen müsse die EHEC-Infektion noch geprüft werden, hieß es. Zwei sollen in den vergangenen Wochen zu Besuch in Norddeutschland gewesen sein. Das Landesamt für Gesundheit sprach zunächst von offiziell drei Fällen.

Aus Potsdam wurde zudem der erste Fall in Brandenburg gemeldet. In Patient werde mit Verdacht auf eine EHEC-Infektion stationär behandelt. Die Gesundheitsministerin des Landes, Anita Tack (Linke), rief die Gesundheitsämter auf, neue Fälle sofort zu melden.

EHEC auch Thema im Bundesgesundheitsministerium

Die Welle an Neuinfektionen beschäftigt nun auch das Bundesgesundheitsministerium. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) habe sich beim Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Reinhard Burger, über die aktuelle Lage informiert, teilte ein BMG-Sprecher am Dienstag mit.

Auch der Bundestag befasst sich nun mit den gehäuften EHEC-Fällen. Für diesen Mittwoch wurde eine kurzfristige Sitzung im Gesundheitsausschuss einberufen, berichtet die "Braunschweiger Zeitung".

Eingeladen sei RKI-Präsident Burger, sagte die Ausschussvorsitzende Carola Reimann (SPD) dem Blatt. Er solle den Abgeordneten die Lage erklären. Reimann: "Wir haben einen hohen Informationsbedarf."

[25.05.2011, 22:30:28]
Dr. Horst Grünwoldt 
Gefährliche Coli-Keime
Wie die Anamnese der mit EHEC-Infizierten und teilweise schwer Erkrankten zeigt, dürfte es sich wohl zu einem gut Teil um eine "Reise-Diarrhoe" handeln. Bei den bekannten unhygienischen Zuständen auf den Toiletten in den Zügen der DB und manchen öffentlichen "Bedürfnis-Anstalten" kann es nicht verwundern, daß eine klassische fäkal-orale Schmierinfektion "gute Chancen hat" auf einige Personen/ Patienten übertragen zu werden. Förderlich für das Auftreten von Magen-Darm-Infektionen sind natürlich in Deutschland (wie auch in Amerika) das exzessive Essen und Trinken außerhalb jeder Notwendigkeit und Tischkultur im Gehen und Stehen auf der Straße und auch in Verkehrsmitteln. Wer hat dort schon Gelegenheit zum Händewaschen? Trotz der tragischen und aufzuklärenden Einzelfälle, dürften die Seuchenexperten wohl noch keinen Grund haben, eine EHEC-Epidemie in Deutschland auszurufen. Weil nach wie vor Bakterien nicht "ausbrechen" und sich (selbst) auch nicht "verbreiten" können, sollten die beteiligten Aufklärer rasch nach den ursächlichen Hygienemängeln fahnden, diese abstellen und damit die "Seuche" besiegen. Dr. Horst Grünwoldt aus Rostock zum Beitrag »

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