Ärzte Zeitung online, 04.06.2011

EHEC: Heiße Spuren in Lübeck und Hamburg

Wo kommen die EHEC-Erreger her? Die Frage treibt Experten seit über zwei Wochen um. Nun gibt es zwei neue heiße Spuren - sie führen nach Lübeck und Hamburg. Helfen könnte auch das entschlüsselte Genom.

EHEC: Heiße Spuren führen nach Lübeck und Hamburg

Holstentor in Lübeck: Seuchenermittler setzen ihre Hoffnung auf eine Spur aus einem Restaurant in der Hansestadt.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös). Auf der Suche nach der Quelle für die massenhaften EHEC-Infektionen in den letzten Wochen sind die Seuchenexperten, Mikrobiologen und Lebensmittelkontrolleure offenbar zwei heißen Spuren auf der Fährte.

Nach Medienberichten könnten sich sowohl in Lübeck als auch in Hamburg mehrere Menschen an denselben Orten über kontaminierte Lebensmittel infiziert haben. Der Norden Republik, vor allem Hamburg und Schleswig-Holstein, ist das Epizentrum der derzeitigen Infektionswelle.

In Hamburg steht nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" der Hafengeburtstag als Ursprungsort für die Erkrankungswelle in Verdacht. Dem Bericht zufolge soll das die derzeit favorisierte Hypothese beim Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin sein.

Der Grund: Das Traditionsfest fand in diesem Jahr vom 6. bis 8. Mai statt. Dadurch ließe sich die gehäufte Zahl der Neuerkrankungen beim hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) rund eine Woche später erklären.

Erste EHEC-Symptome treten nach zwei bis fünf Tagen auf, einige Tage später kann sich als schwerer Verlauf ein HUS entwickeln. Beim RKI wurden als Spitze bei den HUS-Neuerkrankungen die Tage zwischen dem 16. und 21. Mai registriert (Eurosurveillance 2011; 16(22): 2. Juni).

Rund 60 Kilometer weiter in Lübeck ist derweil ein Restaurant ins Visier der Ermittler geraten. 17 Menschen hätten sich erkrankt, nachdem sie dort gegessen hatten, berichten die "Lübecker Nachrichten" am Samstag.

Betroffen waren demnach vor allem zwei Reisegruppen: dänische Besucher einer Tagestour und 30 Frauen der Deutschen Steuergewerkschaft, die sich dort zu einem Seminar getroffen hatten. Beide Gruppen sollen vom 12. bis zum 14. Mai in dem Restaurant gegessen haben.

Von beiden Gruppen sollen jeweils acht Reisende später an einer EHEC-Infektion erkrankt sein. Auch ein erkranktes Kind aus Süddeutschland soll in dem Zeitraum in dem Restaurant gegessen haben.

Bei den Frauen der Gewerkschaft, die offenbar aus ganz Deutschland kamen, hätten einige schwere HUS-Verläufe entwickelt, zitiert das Blatt Dieter Ondracek. Er ist Vorsitzender der Gewerkschaft. Eine Frau aus Nordrhein-Westfalen sei verstorben.

Verglichen mit der bundesweiten Gesamtzahl an EHEC-Infektionen und HUS-Erkrankungen, machen die Fälle aus dem Lübecker Restaurant zwar nur einen Bruchteil aus. Schätzungen zufolge sind bundesweit rund 2000 Menschen infiziert, 520 werden wegen eines HUS behandelt. Allerdings bieten die Lübecker Fälle den Seuchenermittlern einen neuen Ansatzpunkt für ihre Suche.

Denn die zunächst als verdächtig gemeldeten spanischen Gurken schieden wenige Tage später aus - die gefundenen EHEC-Keime entsprachen nicht denen, mit denen die jetzt Erkrankten infiziert sind. Seither tappen die Fahnder weitgehend im Dunkeln.

Am Freitag sollen bereits Experten des RKI und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) in Lübeck zu Untersuchungen eingetroffen sein. Erste Auswertungen liefen bereits, berichten die "Lübecker Nachrichten" unter Berufung auf das Verbraucherschutzministerium in Kiel.

Die Ermittler durchforsten nun die Lieferantenlisten - eine "Sisyphusarbeit". Professor Werner Solbach, Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Uniklinik in Lübeck, sagte dem Blatt: "Das Restaurant trifft keine Schuld, allerdings kann die Lieferantenkette möglicherweise den entscheidenden Hinweis geben, wie der Erreger in Umlauf gekommen ist."

Die Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" berichtete vor einigen Tagen, dass vor allem das letzte gemeinsame Abendessen der Gewerkschafterinnen im Fokus der Ermittlungen stehe. Denkbar seien etwa zwei Fischgerichte, von denen die meisten Teilnehmerinnen gegessen hatten.

Das Verbraucherschutzministerium in Kiel ruderte am Samstag allerdings zurück. "Wir haben keine heiße Spur", sagte ein Ministeriumssprecher der Nachrichtenagentur dpa. Der Bericht in den "Lübecker Nachrichten" sei überzogen. Zwar sei ein Team vor Ort gewesen, Ergebnisse des RKI lägen bislang allerdings nicht vor.

Auch die Berichte, wonach das Hamburger Hafenfest ein Ansatzpunkt für die Ermittler sei, wurden am Samstag zunächst zurückgewiesen.

Nach Angaben der Hafenbehörde sei der Verdacht bereits vor mehr als einer Woche ausgeschlossen worden. Das RKI betonte, die Berichte deckten sich nicht mit den aktuellen Erkenntnissen und stünden im Widerspruch dem ermittelten epidemiologischen Profil des Ausbruchs.

Das Institut gerät derweil zunehmend in die Kritik. Die Vorwürfe reichen von mangelnder "Effektivität" bis zu falschen Annahmen bei der Ursachensuchen.

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