Ärzte Zeitung online, 07.06.2011

EHEC: Sprossen bislang alle negativ

Sprossen waren die neue große Hoffnung, eine Quelle für den EHEC-Ausbruch zu finden. Doch erste Laboranalysen waren negativ, am Dienstag gab es einen erneuten Rückschlag. Die Kliniken waren nun vor finanziellen Einbußen durch den EHEC-Ausbruch. Das politische Krisenmanagement gerät immer stärker in die Kritik. Rufe nach einer „zentralen Seuchen-Polizei“ werden lauter. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr lehnt eine Bundesbehörde für die Gesamtkoordination ab.

EHEC: Droht den Kliniken ein Finanzdesaster?

Dialyse am Uniklinikum in Kiel: Die DKG warnt vor den finanziellen Lasten wegen des EHEC-Ausbruchs.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös/dpa). Die neue Spur vom Sonntag, wonach die EHEC-Welle mit Sprossen aus einem niedersächsischen Betrieb zusammenhängen könnte, wird immer dünner. Nach ersten negativen Laboruntersuchungen meldete nun Hamburg ein negatives Ergebnis.

Dort war Dose mit Sprossen des Betriebs aufgetaucht, die ein an EHEC erkrankter Mann in seinem Kühlschrank gefunden hatte. Die Hoffnung der Lebensmittelkontrolleure: Dort den zirkulierenden Erregertyp O104:H4 zu finden und die Sprossen mit dem Ausbruch in Verbindung zu bringen.

Doch das Ergebnis der Laboruntersuchungen war negativ. Auch erste Proben, die in Niedersachen untersucht wurden, waren am Montag negativ.

Finanzielle Einbußen befürchtet

Die deutschen Kliniken befürchten währenddessen angesichts des EHEC-Ausbruchs finanzielle Einbußen. "Ich appelliere an die Politik angesichts der EHEC-Epidemie, die geplanten finanziellen Kürzungen für die Krankenhäuser zurückzunehmen", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".

Der Ausbruch zeige, wie wichtig es sei, in den Kliniken die nötigen Kapazitäten an Betten und Personal vorzuhalten, "um solche schwierigen Situationen zu bewältigen".

Die Kliniken helfen sich derzeit untereinander mit Personal aus und verlegen weniger dringende Fälle auf andere Häuser. Baum: "Die Kliniken machen heute alles, was für die Versorgung der Erkrankten notwenig ist - ohne Rücksicht darauf, ob sie ihre Leistungen am Ende von den Krankenkassen auch vergütet bekommen."

VUD fordert Vergütung außerhalb des Gesamtbudgets

Gegenwind kam vom Verband der Universitätsklinika (VUD). "Wir brauchen keine Gießkannenfinanzhilfe", entgegnete VUD-GeneralsekretärRüdiger Strehl. Nötig seien Finanzzusagen vor allem dort, wo tatsächlich behandelt werden, sagte Strehl mit Blick auf die großen Kliniken, die besonders von dem EHEC-Ausbruch betroffen sein.

Der VUD fordert eine Vergütung außerhalb des Gesamtbudgets. Strehl: "Hierzu muss das Bundesgesundheitsministerium tätig werden."

Er bekräftige außerdem Forderungen seitens der Ärzteschaft, künftigen Epidemie mit einem "bundesweiten und zentralen Krisenmanagement" zu begegnen. Der oft geäußerte Satz, die Länderzuständigkeit sei "eine heilige Kuh", sei falsch. Das jüngste Vorgehen bei der EHEC-Epidemie habe dies gezeigt, so Strehl.

Zuvor hatte bereits der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), Professor Reinhard Brunkhorst, zentrale Strukturen gefordert. Epidemien machten vor Ländergrenzen nicht Halt, sagte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Zahl der Todesopfer gestiegen

Unterdessen stieg die Zahl der offiziell gemeldeten Todesopfer auf 22. Insgesamt 15 starben an den Folgen eines hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Bei sieben weiteren Opfern wurden enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) nachgewiesen, wie das Robert Koch-Institut am Montagabend der Nachrichtenagentur dpa mitteilte.

Am Abend wurde bekannt, dasss die europäischen Bauern mit Entschädigungen von mindestens 150 Millionen Euro rechen können. Die EU-Agrarminister haben sich bei einem Sondertreffen in Luxemburg grundsätzlich auf Hilfen für die von der EHEC-Krise betroffenen Bauern geeinigt. Das sagte ein EU-Diplomat am Rande des Treffens.

Der Vorschlag der EU-Kommission von insgesamt 150 Millionen Euro sei allerdings nicht beschlossen worden – er sei zu niedrig. In der kommenden Woche will die Kommission einen neuen Vorschlag vorlegen und darin das Volumen des Fonds nach Möglichkeiten anpassen.

Entschädigungen für Bauern angekündigt

Wie am Abend bekannt wurde, können europäische Bauern mit Entschädigungen von mindestens 150 Millionen Euro rechnen. Die EU-Agrarminister einigten sich bei einem Sondertreffen in Luxemburg grundsätzlich auf Hilfen für die von der EHEC-Krise betroffenen Bauern, sagte ein EU-Diplomat am Rande des Treffens.

Der Vorschlag der EU-Kommission von insgesamt 150 Millionen Euro sei allerdings nicht beschlossen worden – er sei zu niedrig. In der kommenden Woche will die Kommission einen neuen Vorschlag vorlegen und darin das Volumen des Fonds nach Möglichkeiten anpassen.

Kritik an Krisenmanagement nimmt zu

Wegen neuer Rückschläge bei der Suche nach der Quelle des gefährlichen EHEC-Keims wird der Ruf nach einer „zentralen Seuchen-Polizei“ immer lauter. Auf scharfe Kritik stieß das deutsche Krisenmanagement zur Eindämmung der Epidemie im EU-Parlament in Straßburg. Aber auch die Europäische Union hat nach Ansicht vieler Parlamentarier zu langsam reagiert.

Mit Blick auf das Krisenmanagement sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu „Bild.de“: „Für besonders gefährliche Keime brauchen wir eine mobile Eingreiftruppe“. Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, forderte „den Umbau des Robert Koch-Instituts (RKI) zur zentralen Seuchen-Polizei in Deutschland“. Lauterbach will dazu die RKI-Experten mit allen Kompetenzen und dem Recht ausstatten, wie die Bundeswehr „Reservisten“ heranzuziehen, etwa Spezialisten von Unis.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Hans- Michael Goldmann (FDP), forderte im SWR eine Bündelung der wissenschaftlichen Kompetenzen von RKI, Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sowie Bundesinstitut für Risikobewertung in einer einzigen Institution.

In den Augen vieler EU-Parlamentarier fehlt in Deutschland eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern. In den USA gebe es eine zentrale Seuchenbekämpfungsbehörde, sagte die Fraktionschefin der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Der Verband der Universitätskliniken Deutschlands forderte die Bündelung der Kompetenzen beim Bund. Nur mit zentral organisiertem Krisenmanagement könnten Epidemien optimal bekämpft werden.

Bahr sieht Entspannung

Die Kritik am Krisenmanagement wies Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zurück. Er glaubt daran, dass sich die EHEC-Welle in Deutschland langsam entspannt. „Es spricht manches dafür, dass wir das Schlimmste hinter uns gebracht haben“, sagte Bahr am Dienstag in Berlin.

Es sei jedoch noch zu früh für eine vorsichtige Entwarnung. Die Warnungen etwa vor dem Verzehr von rohen Tomaten, Gurken und Salat sollten weiter befolgt werden.

Am Mittwoch solle auf einer Sonderkonferenz der Gesundheits- und Verbraucherminister von Bund und Ländern in Berlin gemeinsam über „Kooperation und Koordination“ und eventuelle Lehren beraten werden. Zu dem Treffen wird auch EU-Verbraucherkommissar John Dalli erwartet, wie das Bundesgesundheitsministerium am Dienstagabend mitteilte.

Keine Bundesbehörde

Eine Bundesbehörde für die Gesamtkoorination lehnt Daniel Bahr ab. "Das ist typisch deutsch: Es wird sofort wieder nach einer neuen Behörde, einer neuen Struktur gerufen", sagte Bahr am Mittwoch im ARD- "Morgenmagazin".

"Wir hatten es mal in einer Behörde zusammengefasst, und nach einer Krise, die wir hatten, ist diese Behörde aufgeteilt worden."

Es sei sinnvoll, dass der Verbraucherschutz dort angesiedelt sei, wo die Lebensmittelkette kontrolliert werden kann, betonte Bahr.

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