Ärzte Zeitung, 09.06.2011

Unermüdlich im Kampf gegen den EHEC-Keim

In den Isolierstationen des Uniklinikums Kiel herrscht seit dem EHEC-Ausbruch in Deutschland Ausnahmezustand. Die Mitarbeiter arbeiten am Limit und ordnen dem einen Ziel alles unter: Sie wollen die Patienten wieder lebend und gesund nach Hause schicken.

Von Dirk Schnack

Unermüdlich im Kampf gegen den EHEC-Keim

Dr. Tanja Kühbacher (zweite von li.) und Dr. Holger Kristen (li.) und Mitarbeiter auf einer Isolierstation im Uniklinikum.

© di

KIEL. Mundschutz, Kittel, Handschuhe und Desinfektionsmittel: Für die Mitarbeiter auf Station fünf der Klinik für Innere Medizin sind diese Vorsichtsmaßnahmen seit dem 23. Mai so selbstverständlich wie für andere Menschen das Zähne putzen - nur häufiger.

Hier und auf den anderen vier wegen EHEC eingerichteten Isolierstationen am Kieler Universitätsklinikum wurde der Einwegschutz in den vergangenen Wochen Kartonweise verbraucht.

Niemand betritt die Isolierstationen, ohne sich vorher auf dem Flur entsprechend zu schützen. Der Aufwand und das damit verbundene erschwerte Arbeiten hat sich ausgezahlt: Kein Mitarbeiter in Kiel ist bislang an EHEC erkrankt.

Die Vorbeugung ermöglicht es außerdem den Patienten, Besuch zu empfangen. "Sonst wäre das für die für längere Zeit stationär aufgenommenen Patienten noch schwerer auszuhalten", sagt PD Dr. Tanja Kühbacher.

70 Patienten mit EHEC liegen noch in der Uniklinik

Die koordinierende Oberärztin kümmert sich darum, dass in Kiel, einer der bundesweit am schlimmsten von EHEC betroffenen Städte, die verschiedenen Fachdisziplinen zusammenarbeiten. Während sich Politiker via Medien über das Krisenmanagement streiten, bespricht die Gastroenterologin gerade mit dem Nephrologen Dr. Holger Kristen und zwei weiteren Mitarbeiterinnen das Vorgehen an diesem Tag, der in Kiel für verhaltenen Optimismus sorgt.

Neun Patienten mit HUS konnten inzwischen nach Hause entlassen werden, die ersten beiden von fünf Stationen können wieder für das Tagesgeschäft genutzt werden.

Dennoch bleibt die Lage angespannt. 70 Patienten mit EHEC liegen noch in der Kieler Uniklinik, davon 43 mit HUS, 13 befinden sich auf der Intensivstation. Leitlinien für die Behandlung dieser Patienten gibt es nicht.

Wer Kühbacher nach einem Wunsch fragt, bekommt zu hören: "Dass wir alle Patienten lebend und gesund nach Hause entlassen können." Diesem Ziel haben die Mitarbeiter am Uniklinikum alles untergeordnet, als die EHEC-Krise ausbrach. Nach Schichtende fragt hier niemand.

"Alle ziehen an einem Strang"

Die Stimme der Oberärztin verrät die Anstrengung und Anspannung der vergangenen Wochen. "Die klingt sonst anders", räumt sie ein.

Einen kurzen Einblick in ihr Seelenleben gewährt sie, als sie von den jungen Patienten spricht, die vor EHEC kerngesund waren, plötzlich lebensgefährlich erkranken und neurologische Ausfälle zeigen. "Das geht nicht spurlos an einem vorüber."

Leistungen einzelner Mitarbeiter will sie nicht herausstellen: "Wir hätten das nicht bis hierher geschafft, wenn nicht alle an einem Strang gezogen hätten." Das betrifft Ober- und Assistenzärzte genauso wie Dialyseschwestern, Raumpfleger und die aus anderen Bundesländern zur Unterstützung eingeflogenen Fachkräfte.

Andere Intensivpatienten wurden ausgelagert

Schon logistisch war die Bewältigung des Patientenandrangs eine Herausforderung: Für die fünf Isolierstationen mussten andere Stationen geschlossen werden. Andere Intensivpatienten wurden ausgelagert, Privatpatienten verlegt, elektive Eingriffe verschoben und die Patienten zur Betreuung vorläufig in die Praxen zurück geschickt.

"Der ganze Campus bei uns ist betroffen. Wir konnten das nur bewältigen, weil die niedergelassenen Ärzte hervorragend mit uns zusammenarbeiten", betont Kühbacher.

Auch die oft kritisierte öffentliche Trägerschaft des Universitätsklinikums im Norden könnte ein Vorteil bei der Bewältigung der Krise sein - oder hätte ein privater Träger genauso wie das UKSH kurzerhand die Privatstationen frei gemacht und damit auf wertvolle Einnahmen verzichtet?

Mit solchen Fragen kann sich die Oberärztin derzeit nicht beschäftigen. Als Koordinatorin muss sie sehen, dass ihre Mitarbeiter der Belastung irgendwie standhalten können. Es gibt Ärzte in Kiel, die seit dem EHEC-Ausbruch trotz der langen Arbeitszeit keinen Tag frei hatten.

Überstunden werden ausgezahlt

Freizeitausgleich, das wissen hier alle, können sie anschließend nicht erwarten. "Wir werden die Überstunden auszahlen", steht für Kühbacher fest.

Denn sollte sich der leicht positive Trend fortsetzen und die Belastung wegen EHEC tatsächlich in den nächsten Tagen etwas abnehmen, geht für die Ärzte nicht nur das normale Tagesgeschäft weiter, auch die verschobenen Operationen müssen nachgeholt werden.

Sollte sich für Kühbacher ein freier Tag realisieren lassen, hat sie vor allem einen Wunsch: "Richtig lange ausschlafen."

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

Topics
Schlagworte
EHEC-Welle 2011 (173)
Personen
Dirk Schnack (1337)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »

Bei der Gründung eines Ärztezentrums kann es zugehen wie bei "Dallas"

Neid und Missgunst haben schon manche Versuche torpediert, in der Provinz ein Ärztezentrum zu etablieren. Ärzte in Schleswig-Holstein berichten, wie man verhindert, dass Kirchturmdenken siegt. mehr »

Macht Kaffee impotent?

Kaffee werden günstige Effekte auf die Gesundheit nachgesagt. Eine Studie hat untersucht, was das belebende Getränk für Männer – und besonders deren Potenz – bedeutet. mehr »