Ärzte Zeitung online, 09.06.2011

EHEC: Ist der Mensch die Quelle des Ausbruchs?

Die Alarmstufe bleibt erhöht, die EHEC-Welle ist noch nicht vorüber: Zwar sinken die Zahlen der Neuinfektionen, doch steigt die Zahl der Todesfälle. Experten vermuten derweil, dass der Mensch die Quelle für den grassierenden EHEC-Typ sein könnte.

EHEC: Ist der Mensch die Quelle des Ausbruchs?

Vorbereitungen für die EHEC-Analsyse: Experten vermuten den Menschen als Quelle des Erregers.

© dpa

NEU-ISENBURG (nös/cben). Die EHEC-Krise ist offenbar noch nicht überstanden. Auch drei Wochen nach den ersten bekannt gewordenen Fällen stiegen die Fallzahlen. Neue Fälle wurden aus Göttingen bekannt, wo sich mehrere Menschen bei einer Familienfeier infiziert haben sollen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin verzeichnete bis zum Donnerstagmorgen 2086 Menschen, die mit enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC) infiziert waren.

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EHEC und HUS: Situation in den Bundesländern.

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722 Fälle wurden erfasst, bei denen sich ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) entwickelt hat - insgesamt sind rund 3000 Menschen allein in der Bundesrepublik entweder an EHEC oder HUS erkrankt. Die Zahl der Todesfälle stiegt auf mindestens 26.

Das RKI spricht von einem "abnehmenden Trend der Fallzahlen". Aber: Ob das Absinken mit einem Versiegen der Infektionsquelle oder umgestellten Essgewohnheiten zusammenhängt, könne "nicht mit Sicherheit bestimmt werden".

Die Zahl der Neuinfektionen sinkt

Krisenzentrum der EHEC- und HUS-Welle ist nach wie vor Norddeutschland. Jeweils rund 75 Prozent der Erkrankten in beiden Meldekategorien kommen laut RKI aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

In der stark betroffenen Stadt Hamburg zeichnet sich immer mehr ein Abebben bei der Zahl der Neuinfektionen ab. Seit Mittwoch seien nur 27 neue EHEC-Fälle bekannt geworden, teile Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Donnerstag mit.

Noch vor rund einer Woche meldete allein die Hansestadt weit über 100 Neuerkrankungen pro Tag. Prüfer-Storcks: "Es steigt die Hoffnung, dass wir den Scheitelpunkt wirklich überstanden haben."

Viele Verdächtigungen, wenige Nachweise

Unterdessen suchen Lebensmittelkontrolleure weiterhin nach der Quelle für den EHEC-Ausbruch. Trotz bislang negativer Befunde halten die Behörden an den Sprossen aus einem niedersächsischen Herstellerbetrieb als eine mögliche Quelle fest.

Analysen vom Montag und Dienstag waren negativ. Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover sagte am Donnerstag jedoch, dass alles auf diesen Betrieb hinauslaufe. "Wir müssen warten", fügte er mit Blick auf weitere Untersuchungen hinzu.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält die Sprossen weiterhin für eine mögliche Quelle, verweist aber darauf, dass der größte Teil solcher Ausbrüche nie aufgeklärt werden kann.

Am Mittwoch führte eine Spur nach Magdeburg. Dort wurden mit EHEC belastete Gurken in einer Biotonne gefunden, drei Personen der Familie waren später an EHEC erkrankt, zwei sind bereits wieder genesen. Erste Untersuchungen des BfR hatten den Verdacht bislang jedoch nicht bestätigt.

Neue Spur bei einer Familienfeier?

Eine neue Spur führt möglicherweise zu einem Catering-Unternehmen im Landkreis Kassel. "Wir wurden soeben vom Gesundheitsamt Göttingen über ein EHEC/HUS-Ausbruchsgeschehen im Landkreis Göttingen informiert", sagte Thomas Spieker, Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums am Donnerstag in Hannover.

"Es handelt sich offenbar um eine Familienfeier, die am 28. Mai im Landkreis Göttingen stattgefunden hat mit etwa 70 Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet." Dem Gesundheitsamt Göttingen seien fünf Erkrankungsfälle bekannt aus dem Landkreis Göttingen, die stationär behandelt würden, einer davon habe ein HUS entwickelt.

Bei zweien wurde EHEC bereits labordiagnostisch nachgewiesen, drei seien klinische Verdachtsfälle. Nach Auskunft des Gesundheitsamtes Göttingen wurde das Familienfest durch eine Cateringfirma im Landkreis Kassel beliefert.

Auch in diesem seien weitere Fälle mit einem möglichen Bezug zu der Göttinger Geburtstagsfeier aufgetreten, erklärte Spieker. "Die Lebensmittelbehörden in Hessen sind eingeschaltet. Die Ausbruchsuntersuchung läuft in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Göttingen, Gesundheitsamt Kassel und mit dem Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen in Dillenburg."

Stammen die jetzigen Erreger vom Menschen?

Derweil spekulieren Experten über die Herkunft des derzeit zirkulierenden EHEC-Serotyps O104:H4. Untersuchungen hatten zunächst ergeben, dass der Serovar bislang noch bei keinem größeren Ausbruch in Europa aufgetreten ist. Südkoreanische Forscher wiesen darauf jüngst hin, dass er bereits bei einem kleineren Ausbruch im Jahr 2006 dortzulande nachgewiesen wurde.

Im Jahr 2001 wurde O104:H4 zum ersten Mal isoliert, die Forscher um den Münsteraner EHEC-Experten Professor Helge Karch kategorisierten ihn der eigenen Sammlung ein und nannten ihn HUSEC 41. Den jetzt zirkulierenden Typ konnte das Team um Karch diesem bekannten Serotyp zuordnen.

Vor zwei Wochen konnten zwei Forschergruppen parallel das Genom entziffern. Sie bestätigten Karchs Analysen, konnten aber auch zeigen, dass der Serotyp womöglich eine Chimäre aus enteroaggregativen Escherichia coli (EaggEC) und enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC). Das EHEC-Genom macht allerdings nur einen Anteil von knapp zehn Prozent aus.

EaggEC kommt typischerweise beim Menschen vor

Das BfR vermutet nun, dass der zirkulierende Erreger womöglich vom Menschen ausgegangen ist. In einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme kam das BfR zu dem Schluss, "dass der Eintrag des Erregers im jetzigen Ausbruchsgeschehen in betroffene Lebensmittel über den Menschen oder vom Menschen über die Umwelt erfolgt sein kann."

Reservoir für EHEC-Erreger sind üblicherweise die Mägen Wiederkäuern. Fäkal-oral werden die Keime verbreitet und können zu Infektionen bei Menschen führen. Typische Beispiele sind die unzureichende Hygiene beim Kontakt mit Tieren oder mit Tierkot kontaminierte Lebensmittel.

Der jetzt sequenzierte EaggEC-Typ (auch EAEC genannt) ist laut BfR aber typischerweise bei Menschen zu finden. Das nationale Referenzzentrum habe den Erreger bislang nicht bei Tieren nachweisen können, auch in der Fachliteratur seien keine Nachweise bei Tieren beschrieben.

Das Institut schlussfolgert: "Die Faktenlage spricht jedoch dafür, dass der Mensch als Quelle für eine mögliche Kontamination von Lebensmitteln und Umwelt in Frage kommen könnte."

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[10.06.2011, 08:56:37]
Dr. Joachim Malinowski 
Vier Behörden sind eingeschaltet....
".."Die Lebensmittelbehörden in Hessen sind eingeschaltet. Die Ausbruchsuntersuchung läuft in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Göttingen, Gesundheitsamt Kassel und mit dem Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen in Dillenburg..."

Das klingt auf den einen Seite gut, dass sich so viele Menschen damit beschäftigen. Andererseits sind Menschen immer unterschiedlich qualifiziert und brauchen zur eigenen Sicherheit im Kopf eine Führung in solchen Dingen, wie sich auch bei schweren Unfällen, Katastropheneinsätzen etc. gezeigt hat, wo z.B. der Notarzt oder die Feuerwehr etc. das Kommando haben. Ansonsten entsteht in solchen angespannten Situationen sehr schnell ein Durcheinander auch bezüglich fachlicher Kompetenzen und folgenden Einschätzungen.

Nach dem Motto: "Es gibt keine zwei Ärzte mit einer Meinung, es sei denn, einer von Beiden ist gar kein Arzt oder ein Vorgesetzter" (das ist ironisch gemeint).

Ich halte eine zentrale Behörde bei Seuchen und sonstigen Katastrophen immer noch für besser, als so viele Behörden mit unterschiedlichem fachlichen Wissen und Ausstattungen, wo mir ein Chaos vorprogrammiert erscheint.

Wie sieht es denn in diesem Beispiel aus? Wer kann dazu Infos geben?
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