Ärzte Zeitung online, 10.06.2011
 

RKI-Chef zu EHEC: "Es sind die Sprossen"

Seit Wochen suchen Experten nach der EHEC-Quelle. Gurken, Tomaten und Salat kamen in Verdacht, seit zweieinhalb Wochen warnten Behörden vor dem Verzehr. Jetzt haben sie die Warnung aufgehoben - und warnen vor Sprossen.

EHEC: Gurkenwarnung wird aufgehoben

Verzicht auf Rohkostprodukte: Die Behörden heben ihre Verzehrswarnung für Tomaten, Gurken und Blattsalate offenbar auf.

© dpa

BERLIN (nös/af). Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten wegen der EHEC-Krise ist aufgehoben. Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Professor Reinhard Burger, sagte am Freitagmorgen in Berlin: "Es sind die Sprossen". Ein endgültiger Nachweis sei zwar noch nicht gelungen, dennoch habe man einen großen Fortschritt erzielt.

Das RKI warnt nun mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und dem Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) vor dem Verzehr von Sprossen. Denn der Verdacht, dass Keimlinge eines Biohofes aus dem niedersächsischen Landkreis Uelzen Quelle des EHEC-Ausbruch sind, hat sich offenbar weiter erhärtet.

Kohortenstudie "am Kochtopf"

RKI-Chef Burger verweist auf jüngste Ergebnisse eines neuen Verfahrens, einer sogenannten "Rezeptbasierten-Restaurant-Kohortenstudie".

Nach den ersten Sprossenfunden vor knapp einer Woche begannen die Experten des Instituts und aus den Länderbehörden, Köche und Mitarbeiter eines Restaurants in Lübeck zu befragen.

Die Experten befragten nicht nur die Betroffenen, sie gingen auch zu den Köchen und Mitarbeitern des Restaurants. Bestelllisten wurden durchforstet, Rechnungen durchgesehen.

Die Seuchenfahnder gingen sogar so weit, einzelne Zutaten die Gerichte in ihre einzelnen Zutaten auseinanderzudividieren. Auch Fotos, die die Erkrankten vom Essen gemacht hatten, flossen in die Untersuchung mit ein. Die Frage: "Welche Menüs haben die Betroffenen gegessen?" Und: Welche Zutat steht in Verbindung mit den EHEC-Fällen?

War der "Kartoffelkeller" in Lübeck das entscheidende Puzzleteil?

In dem Restaurant liefen schließlich viele Spuren zusammen. Die Ermittler untersuchten den Verzehr von fünf Gruppen mit insgesamt 112 Personen, die in dem Restaurant gegessen hatten.

19 der Besucher waren erkrankt, allein neun aus einer 30-köpfigen Reisegruppe aus Schweden, von denen eine Person verstarb. Der nur kurze Aufenthalt der Schweden in Deutschland habe geholfen, die Ursache weiter auf die Sprossen einzugrenzen, hieß es am Freitag aus dem RKI.

In Richtung Sprossenhof in Bienenbüttel wiesen auch Untersuchungen in bislang bis zu 40 Restaurants und Kantinen, hieß es aus dem RKI.

20 der Gastrobetriebe hatten Sprossen aus dem niedersächsischen Betrieb bezogen. Bei den Sprossen handelte es sich nach RKI-Angaben um die Keimlinge von zwölf Pflanzenarten, darunter Radieschen, Lupinen und Bohnen.

Die Restaurants zu identifizieren, in denen sich Menschen angesteckt haben könnten, reicht aber nicht, um den Verbreitungsweg in der Keime in Gänze zu erklären. Die Fälle in Hamburg zum Beispiel seien nicht "restaurantassoziiert", hieß es aus dem RKI.

Zuvor wurden in den ersten beiden Fall-Kontroll-Studien nur EHEC-Patienten in den Kliniken befragt, was sie vor den ersten Erkrankungssymptomen gegessen hatten. Das Problem: Viele Patienten erinnern sich schlicht nicht mehr, was sie vor zwei Wochen alles gegessen hatten.

Burger: "Das Besondere an dem neuen Verfahren ist: Wir sind weniger abhängig von der Erinnerung der Patienten." Dass die neue Studie erst jetzt in Angriff genommen wurde, begründen die Institute mit der benötigten Menge an Studienteilnehmern.

Alle betroffenen hatten Sprossen gegessen

Herausgekommen ist nun, dass von 112 Erkrankten, die in diese neue Studie einbezogen wurden, alle die Keimlinge gegessen. "Kunden, die Sprossen verzehrt hatten, hatten ein neunfaches Risiko für blutige Durchfälle", sagte Burger. Das genaue relative erhöhte Erkrankungsrisiko geben die Institut mit dem Faktor 8,6 an.

Die Befragungen, Auswertung und die parallel zurückverfolgten Lieferwege führten schließlich zu dem seit knapp einer Woche unter Verdacht stehenden Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel.

Der Präsident des BVL, Dr. Helmut Tschiersky-Schöneburg, sagte: "Die Indizienkette ist so belastend, dass wir davon ausgehen, dass der Ausbruch einen unmittelbaren Bezug zu dem Biohof hat." Der wurde indes komplett gesperrt, außerdem darf er keine Sprossen mehr verkaufen. Produkte des Unternehmens werden nun aus dem Handel gezogen.

Der Betrieb habe allerdings über eine funktionierende Eigenkontrolle verfügt und alle Hygieneanforderungen erfüllt, sagte der niedersächsische Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann (CDU) am Freitag. Es gebe keine Hinweis auf schuldhaftes Verhalten.

EHEC wurde noch nirgends nachgewiesen

Doch trotz der "statistisch ausreichenden Aussagekraft" stehen die Lebensmittelkontrolleure vor einem Problem: Bislang wurden knapp 450 Sprossenproben untersucht, doch bei keiner fanden sich bislang EHEC-Keime.

Diesen Umstand bezeichnete Burger denn auch als Schönheitsfehler. Experten vermuten etwa, dass die kontaminierte Charge längst "aufgegessen" ist.

Dafür sprechen könnte das stetige Absinken der Fallzahlen bei den EHEC-Neuinfektionen. RKI-Chef Burger sagte am Freitag: "Die Zahl sinkt, aber es gibt weiter neue Erkrankungen."

In dem Tagesbericht zur EHEC-Situation schrieb das Institut, dass "die Meldedaten zu HUS und EHEC (...) bereits seit mehreren Tagen einen abnehmenden Trend der Fallzahlen erkennen" lassen.

Das Institut verweist außerdem auf die Neuerkrankungszahlen aus den zentralen Notaufnahmen. Die nimmt ebenso täglich ab wie der Anteil von erkrankten Frauen - sie waren mit rund 75 Prozent überwiegend von dem derzeitigen Ausbruch betroffen.

Allerdings warnt RKI-Chef Burger: "Der Ausbruch ist noch nicht vorbei." Neue Fälle könnten weiter hinzukommen. Klarheit besteht wohl erst in den nächsten Wochen, denn bis erste Symptome des hämolytisch-urämischen Syndroms auftreten, dauert es nach einer Infektion rund eine Woche.

Derweil stieg die Zahl Todesfälle in Folge einer EHEC-Infektion. Das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein gab den Tod einer 85-jährigen Frau bekannt. In Niedersachsen wurde ein weiterer Todesfall aus dem Landkreis Göttingen bekannt. Die 75-Jährige war nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Hannover bereits am 3. Juni an den Folgen einer EHEC-Infektion.

Bahr: Manöverkritik - aber in aller Ruhe

Die Lage in den Krankenhäusern in Norddeutschland bleibe angespannt, sagte auch Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) am Freitag. Nach wie vor komme es zu Neuinfektionen, weitere Todesfälle durch EHEC seien nicht auszuschließen.

Seit Tagen gehe die Zahl der Neuinfektionen kontinuierlich zurück. "Das Schlimmste haben wir überstanden", sagte ein sichtlich entspannter Bahr.

Bahr stellte sich ausdrücklich hinter das Robert Koch-Institut und seine Leitung. Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) habe ihm einen Brief geschrieben, in dem das Vorgehen des RKI gelobt worden sei.

Auch die europäische Kommission habe an der Arbeit des RKI nichts auszusetzen, sagte Bahr am Freitag. Gleichwohl habe er mit Verbraucherschutzministerin Aigner eine "Manöverkritik" vereinbart.

Neue Erkenntnisse nach Pfingsten?

Die Suche nach der Quelle für den EHEC-Ausbruch geht allerdings weiter. Der Präsident des BfR, Professor Andreas Hensel, sprach von mehreren Proben, die noch untersucht werden müssten. "Das dauert noch bis Ende Pfingsten."

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium verwies am Freitag auf knapp 1000 entnommene Proben. Davon seien bereits 502 negativ auf EHEC getestet worden, 181 seien gerade im Test und 241 müssten noch untersucht werden. Auch bei bislang 42 untersuchten Proben aus dem Biohof in Bienenbüttel war das Ergebnis negativ.

Vor zweieinhalb Wochen hatten zunächst Hamburger Behörden Gurken als potenzielle Quelle für die EHEC-Welle ausgemacht. Der Verdacht stellte sich später als falsch heraus: Laboranalysen konnten zwar enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC) nachweisen, allerdings waren sie nicht von dem derzeit zirkulierenden Stamm.

Parallel zeigten erste Fall-Kontroll-Studien unter Federführung des RKI, dass die erkrankten Menschen vergleichsweise mehr Tomaten, Blattsalate und Gurken gegessen hatten. Die Behörden vermuteten seitdem die Quelle vor allem bei diesen Gemüsen.

Kritiker warfen den Experten jedoch vor, nicht breit genug nach möglich Einschleppungsszenarien gesucht zu haben. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Lindemann sagte etwa: "Das geht nicht, dass wir jetzt so schmal suchen." Das Bundesland suchte denn auch auf Sprossen nach den Keimen - und wurde später fündig.

Die Magdeburger Gurke

Auch der jüngste Fund einer Gurke mit der gefährlichen Variante des EHEC-Keims in einer Biomülltonne in Magdeburg wird bei den Experten nicht mehr als entscheidende Spur verfolgt. Eine akribische Untersuchung des Falls der "Magdeburger Gurke" sei nicht zielführend, hieß es.

Es sei nicht klar, ob der Keim von der Gurke auf den Menschen oder vom Menschen auf die Gurke übertragen worden sei.

Dass der Ausbruch womöglich direkt auf menschliche Exkremente zurückzuführen ist, wird vom RKI indes zwar nicht ausgeschlossen, aber gegenüber anderen Übertragungswegen auch nicht präferiert.

Experten vom BfR hatten vor wenigen Tagen die Vermutung geäußert, der derzeit zirkulierende Keim könnte vom Menschen ausgegangen sein. Grundlage für ihre Hypothese ist das entschlüsselte Genom des Serovar O104:H4 - über 90 Prozent davon stammen von enteroaggregativen Escherichia coli (EaggEC), die bei Tieren bislang nicht nachgewiesen wurden.

Gynäkologen heben ihre Warnhinweise auf

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat derweil ihre speziellen Warnhinweise für Schwangere aufgehoben. Am 24. Mai riet die Fachgesellschaft zu speziellen Vorsichtsmaßnahmen.

Schwangere Frauen sollten etwa kein rohes Fleisch, keine Rohmilch und keinen Rohkäse essen. Auch frisches Obst und Gemüse sollten sie meiden.

Nun hebt die DGGG angesichts der Sprossenindizien ihren Warnhinweis auf. Lediglich die Lebensmittel, vor denen die zuständigen Behörden warnen, sollten gemieden werden.

Herzpatienten: Kein abrupter Gemüseverzicht

Die Deutsche Herzstiftung warnt angesichts der Verzehrswarnungen vor zu einer schnellen Ernährungsumstellung bei Patienten, die Phenprocoumon einnehmen. Der Hintergrund: Das Cumarin ist ein Vitamin-K-Antagonist.

Werde nun plötzlich der Verzehr von typischen Vitamin-K-Lieferanten wie Blattsalat, Spinat oder Brokkoli gestoppt, gerate des Gleichgewicht zwischen Vitamin-K und dem Antikoagulans ins Wanken, schlussfolgert die Herzstiftung. Die Folgen könnten ungewollte Blutungen sein.

Patienten sollten eine Umstellung ihrer Ernährung mit ihrem Arzt abstimmen.

[10.06.2011, 12:43:45]
Dr. Horst Grünwoldt 
endlose Gurkenwarnung
Gerade den guten und kritischen "Beckmann" gesehen. Da saßen neben einem vernünftigen und zugleich bedauernswerten Gemüsebauern, der natürlich nach Entschädigungs-Geld ruft, auch noch der Herr Burger (RKI) und die Frau Aigner als oberste Infektions- und Verbraucher-"Schützer". (Gefehlt hat mir nur noch der smarte Herr Ke´kule´)
Dabei wurde die absurde, gesundheitliche Warnung vor der fiktiv bakteriologisch-infektiösen Gurke und deren Verzehr immer noch wiederholt!
Das bedeutet ,-nach m.E. und allen vorliegenden Erkenntnissen-, sich kleinlaut aus der Verantwortung zu stehlen, statt eine angemessene (verhältnismäßige und wirklichkeitsnahe) Risikobeurteilung durch ihren riesigen und teuren, öffentlichen Experten- Apparat unverzüglich vornehmen zu lassen.
Die inzwischen abgenutzte Redensart vom "Vorrang des vermeintlichen Verbraucherschutzes" und der immer wieder verwendete Damokles-Schwert-Satz "...es ist nicht auszuschließen, daß..." (besonders i.V. mit dem irrealen "Seuchen-Kampf gegen einen unsichtbaren Feind"), zeigt auch im vorliegenden Gurken/ EHEC-Fall, das das "Sagen" in unserem guten Deutschland allzu oft Leute haben, die zwar amtlich zuständig - fachlich aber gar nicht kompetent dazu sind!
Wer -außer der anonyme, deutsche Steuerzahler- wird für diese volkswirtschaftlichen Schäden seit dem "vorbeugenden Verbraucher-Schutz-Kampf" gegen das Phantom "BSE", Vogel- und Schweinegrippe u.a. Epidemien (gr. "über dem Volke drohen") und seine Handlungs-Folgen eigentlich jedesmal in Regreß genommen?

Bleibt zu hoffen, daß im derzeitigen Gurken-Skandal nicht nur den bramabasierenden Keimsuchern und Mikrobiologen das epidemiologische Gurken-Feld allein überlassen wurde, sondern zugleich auch die chemischen Toxikologen an der Fahndung nach giftigen Lebensmittel-Kontaminanten beteiligt worden sind, die ebenfalls blutige Diarrhoen, neurologische Auffälligkeiten und ein "HUS" verursacht haben könnten (trotz Nachweis von ein paar hämolysierenden E.(he) coli´s)

Mein täglicher, gesundheitsförderliche saisonale Gurkensalat wird wegen der schwerverdaulichen (Melonengewächs-)Schale, nach Waschung, sowieso davon weitgehend entfernt und dann lecker und verdauungsfördernd mit Essig und Pflanzenöl von den verbliebenen vegetativen Bakterien und Amöben "dekontaminiert". (Das alte "Rezept" habe ich vor allem gegen die realen Infektions-Gefahren in den Tropen erfolgreich und jahrelang angewandt)
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt (FTA für Hygiene und Mikrobiologie) aus Rostock  zum Beitrag »

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