Ärzte Zeitung online, 30.06.2011

EHEC-Sprossen - Die Spur führt nach Ägypten

Noch immer rätseln Experten, woher der EHEC-Erreger kommt. Immer stärker verdichten sich die Hinweise, dass kontaminierte Sprossen für den Ausbruch verantwortlich sind. Nun gibt es eine neue Spur - sie führt nach Ägypten.

EHEC-Sprossen - Die Spur führt zum Nil

Saatgut von Bockshornklee-Sprossen: Kam mit EHEC kontaminierte Ware aus Ägypten?

© dpa

NEU-ISENBURG (nös/ine). Experten der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA und der europäischen Seuchenkontrollbehörde ECDC haben eine neue Spur des EHEC-Erregers gefunden: Sie vermuten, dass der Keim über Sprossensamen aus Ägypten eingeschleppt wurde.

Einem am Mittwoch von beiden Behörden vorgestellten Bericht zufolge könnten Bockshornkleesamen die Überträger sein. Sie sollen bereits in den Jahren 2009 und 2010 in die EU importiert und dann in die Lieferkette gelangt sein.

Den vermeintlichen Durchbruch brachte offenbar ein Erkrankungscluster mit mehreren Fällen des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS) im französischen Bordeaux. Dort wurden seit Freitag vergangener Woche (24. Juni) 15 Fälle von HUS oder blutigen Durchfällen gemeldet.

Erkrankungsfälle ohne Verbindung zu Deutschland

Anders als bei den Erkrankungsfällen, die in den vergangenen Wochen im europäischen Ausland aufgetreten waren, gibt es bei den jetzt erkrankten Menschen in Bordeaux keine direkte Verbindung nach Deutschland.

Laut EFSA und ECDC waren mindestens elf der Erkrankten am 8. Juni Gäste auf derselben Veranstaltung in Bègles bei Bordeaux. Bei acht von ihnen hatte sich später ein HUS entwickelt. Bei Dreien konnte bislang der E.-coli-Serotyp O104:H4 nachgewiesen werden. Er ist verantwortlich für die derzeitige Epidemie in Deutschland.

Ähnlich wie in Deutschland befragten die lokalen Behörden in Frankreich die Patienten nach den Lebensmitteln, die sie zuvor gegessen hatten. Und hier trafen die Ermittler ins Schwarze: Neun der Elf Erkrankten konnten sich erinnern, bei der Veranstaltung Sprossen gegessen zu haben - Keimlinge von Bockshornklee, Senfsaat und Rucola.

Keimlinge kamen aus einem französischen Betrieb

Die Sprossen wurden allerdings von einem lokalen Erzeuger hergestellt. Sie seien nicht von dem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel importiert worden, so die Behörden. Die Sprossen dieses Erzeugers stehen in Verdacht, für den hiesigen Ausbruch verantwortlich zu sein.

Positive Nachweise an Keimlingen gab es bislang nicht, allerdings führen zahlreiche Indizien zu dem niedersächsischen Produzenten. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte jüngst mit einer "rezept-basierten Kohortenstudie" die Sprossen des Herstellers als Hauptverdächtige identifiziert.

Auch die in Frankreich unter Verdachts geratenen Sprossen konnten bislang noch nicht positiv auf den Serotyp O104:H4 getestet werden. Die Analysen laufen laut EFSA noch.

Weg führt von Ägypten über Deutschland und Großbritannien nach Frankreich

Allerdings konnten die Ermittler bereits die Spur zurückverfolgen: Die Körner kamen offenbar von einem Händler aus Großbritannien. Bereits in der vergangenen Woche wurde bekannt, dass britische Behörden Informationen von dem Saatguthändler Thompson & Morgan in Ipswitch angefordert haben.

Der Händler wiederum soll vor allem die Bockshornkleesamen von einem deutschen Händler erhalten haben. Der wiederum soll die Samen aus Ägypten importiert haben.

Importe aus den Jahren 2009 und 2010 im Visier

Die EFSA allerdings bezieht sich in ihrem Bericht auf Importe des Unternehmens aus den Jahren 2009 und 2010. Die erste Lieferung könnte demnach mit den jetzt in Frankreich aufgetretenen Fällen in Verbindung stehen, die Lieferung aus dem Jahr 2010 mit dem großen Ausbruch in Deutschland.

Allerdings geben die Behörden zu Bedenken: "Es gibt noch viel Unsicherheit." Nötig seien weitere Untersuchungen, um auch mikrobiologisch positive Ergebnisse zu erhalten, so die EFSA und ECDC in ihrer Risikobewertung.

Die Behörden raten dennoch weiterhin von dem rohen Verzehr von Sprossen ab. Die neuesten Erkenntnisse hätten diese Warnung untermauert, hieß es.

Die Quelle könnte womöglich nie bewiesen werden

Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) bekräftigte diesen Warnhinweis am Donnerstag. "Gegenwärtig dauern die Untersuchungen der Fachbehörden noch an", sagte sie der "Passauer Neuen Presse". Nun würden auch die jüngsten Erkenntnisse aus Frankreich mit einbezogen.

Aigner: "Erst wenn der Fall lückenlos aufgeklärt ist, kann man Entwarnung geben." Die Experten warnen hingegen vor zu großem Optimismus: "Es ist möglich, dass der mikrobiologische Nachweis nie hergestellt werden kann", hieß es in dem Bericht von EFSA und ECDC.

Gesundheitsminister: Krankenkassen sollen Mehraufwendungen der Kliniken tragen

Die Gesundheitsminister der Länder sprachen sich auf ihrer Konferenz in Frankfurt/Main dafür aus, dass die Kliniken ihre Mehraufwendungen, die nötig sind, um solche Krisen wie EHEC zu bewältigen, künftig von den Krankenkassen erstattet bekommen.

Zugleich forderten sie die Kassen zu Verhandlungen auf. Sollte es zu keiner Einigung kommen, solle es gesetzliche Regelungen geben.

Das lehnt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr ab. Er sieht die Gesetzeslage als ausreichend an, um auf Krisen wie EHEC flexibel zu reagieren. Nach Auskunft von Bahr muss das Meldewesen verbessert werden, um rascher eine bessere Lagebeurteilung zu erhalten.

Lesen Sie alle Berichte und Hintergründe in unserem Special zur EHEC-Welle.

[02.07.2011, 19:52:39]
Rudolf Egeler 
Bockshornkleesamen
Sollte diese neue EHEC-Genese-These zutreffen, so wird es noch gruseliger:
Wird doch dieser Samen als schmackhafte Zutat auch in Käse verwendet! Und der hat nun wahrlich nichts mit Sprossen zu tun. Da die Samenkörner sicher
erst in den Käsebruch - also nach Pasteurisieren der Milch - gegeben wer- den, ist eine Kontamination und damit Infektion beim Verbraucher nicht aus
geschlossen.  zum Beitrag »
[30.06.2011, 18:39:51]
Dr. M. Yousri Abdel-Aziz 
Toilettengang in Ägypten
Sehr geehrte Herr Dr.Peter M. Schweikert-Wehner,

es ist zwar richtig, dass der allerwerteste mit einem Wasserstrahl gereinigt wird, doch ist es ein Ammenmärchen, dass zusätzlich die linke Hand zur Unterstützung dazu nötig ist.Ich hoffe doch, dass Sie während Ihres Ägyptenaufenthaltes dies nicht getan haben!

Toilettenpapier wird (falls vorhanden)zum Abtrocknen benutzt, ansonsten ist nach dem Abtropfen des Allerwertesten lediglich etwas Feuchtigkeit vorhanden, die in die Unterwäsche gelangt.

Sich mit der Hand, egal ob es die rechte (reinliche) oder linke (unreinliche) Hand an den Popo zu fassen ist verpönt. Diese Ansicht beruht auf Erzählungen westlicher Orientalisten, die eine Interpretation für die Bedeutung der "unreinen" Hand suchten. Die bezeichnung "rein oder unrein" benutzt der Araber synonym für "gut" und "böse", für "lauter" und "unlauter", für "Recht" und "Unrecht". Diese Interpretation korreliert auch mit der europäischen Interpretation von "link" oder " sinister", ohne, dass man annehmen muss, dass die linke Hand des Europäers mit Fäkalien kontaminiert ist; oder Doch? zum Beitrag »
[30.06.2011, 16:22:50]
Dr. Peter M. Schweikert-Wehner 
Toilettengang in Ägypten
Dies ist jetzt kein wissenschaftlicher Kommentar: Jeder der schon mal in Ägypten Urlaub gemacht hat weiß wie man sich dort nach dem Stuhlgang reinigt: Die Toiletten erzeugen einen "Wasserstrahl", der den Anus benetzt. Die mechanische Unterstützung dieser Reinigung erfolgt mit der linken Hand. Toilettenpapier ist meist nicht vorhanden. Objektiv gesehen ist das für den Allerwertesten ein hygienisches Plus im Vergleich zur trockenen europäischen Variante, für die Hände hingegen... zum Beitrag »

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