Ärzte Zeitung online, 02.07.2011
 

EHEC-Aufklärung im Fadenkreuz der Juristen

Die europäischen Seuchenfahnder sind der EHEC-Quelle auf der Spur. Vor wenigen Tagen publizierten sie neue Indizien - doch kurz darauf entfernten sie stillschweigend ein wichtiges Detail aus ihrem Bericht. Experten zeigen sich empört, sie kritisieren das Vorgehen der Behörden als "Kunstfehler".

EHEC-Aufklärung im Fadenkreuz der Juristen

ECDC in Stockholm: Zwischenhändler aus dem Zwischenbericht gelöscht.

© Laurent Chamussy / Sipa

STOCKHOLM/MINNEAPOLIS (nös). Seit Wochen suchen Seuchenforscher nach der Quelle für die EHEC-Epidemie. Doch die Arbeit ist mühsam, nur langsam ergeben die vielen Puzzleteile ein komplettes Bild.

Ein wichtiger Durchbruch gelang den europäischen Epidemiologen und Lebensmittelexperten vor wenigen Tagen: Sie konnten einen Erkrankungscluster in Südwestfrankreich mit dem Erkrankungsgeschehen in Deutschland in Verbindung bringen. Tatverdächtige waren Sprossen von Bockshornkleesamen aus Ägypten.

Diese spezielle Samensorte war es schließlich, die die Experten der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA und der europäischen Seuchenkontrollbehörde ECDC auf die richtige Spur brachte.

Denn sowohl die bislang 15 Erkrankten in Frankreich als auch viele Erkrankte in Deutschland hatten zuvor Sprossen gegessen, die mindestens zum Teil aus Bockshornkleesamen gezogen wurden.

Der französische Cluster war für die Ermittlungen hilfreich

Die Franzosen waren zuvor nicht zu Gast in Deutschland, anders als bei den zuvor aus der EU gemeldeten EHEC-Fällen. Die jetzt in Frankreich Erkrankten hatten die Sprossen bei einer Veranstaltung in Bègles bei Bordeaux gegessen. Das hatten die Epidemiologen bei Befragungen der Patienten herausgefunden.

Der Cluster war somit solitär, ein enormer Vorteil für die Experten. Erst dadurch konnten sie ermitteln, das Bockshornkleesamen als einziges Saatgut sowohl in den deutschen als auch in den französischen Sprossenmischungen enthalten war.

Schnell hatten sie den Weg zurückverfolgt. Der Pfad ging aus Frankreich über einen Lieferanten in Großbritannien zu einem Zwischenhändler in Deutschland und schließlich zu dem Erzeuger nach Ägypten.

Ähnlich war das Bild bei den in Deutschland als Infektionsquelle ausgemachten Sprossen. Sie kamen mutmaßlich in etlichen Fällen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel. Auch dort wurden Bockshornkleesamen verwendet, eingekauft bei demselben Zwischenhändler aus Nordrhein-Westfalen.

Zwischenhändler erst erwähnt und dann gelöscht

In ihrer schnellen Risikobewertung hatten die EFSA und die ECDC diesen Pfad nachgezeichnet, und sie hatten den Namen des Zwischenhändler genannt. Einige Medien hatten daraufhin diese Passage zitiert.

Doch kurze Zeit später, am Freitag, war der entsprechende Absatz in dem Bericht gestrichen. Ohne weiteren Kommentar heißt es dort seitdem lapidar: "Die Rückverfolgung ist im Gange und hat bisher gezeigt, dass Bockshornklee, der entweder 2009 und/oder 2010 aus Ägypten eingeführt wurde, bei beiden Ausbrüchen beteiligt ist."

Mehrere Medien hatten zwischenzeitlich eine E-Mail eines Anwaltsbüros aus Düsseldorf erhalten. Die Bitte: "Den Namen unserer Mandantin aus Ihrem oben genannten Artikel zu löschen". Das Unternehmen werde zu Unrecht mit dem kontaminierten Saatgut in Verbindung gebracht. Man behalte sich rechtliche Schritte vor.

Die Nennung des Namens eines zunächst nur Verdächtigen ist durchaus problematisch. Schließlich gilt es das öffentliche Interesse mit dem Schutz eines Rufes abzuwägen - in diesem Fall dem des Zwischenhändlers.

Gerade Journalisten müssen jeden einzelnen Fall genau überprüfen: Was wiegt schwerer, das öffentliche Interesse oder die zu schützende Privatsphäre beziehungsweise der Ruf einer Marke?

Im konkreten Fall dürfte die Abwägung allerdings zuungunsten des Zwischenhändlers ausfallen. Denn bei der hiesigen EHEC-Epidemie ist allein schon der Verdacht einer Infektionsquelle von einem öffentlichen Interesse.

Brief vom Anwalt und Androhung von Konsequenzen

Das Unternehmen war offensichtlich dennoch um Ehrenrettung bemüht und hat sich sogar nach Übersee gewandt: Auch der US-Expertendienst CIDRAP von der Universität Minnesota, der über Infektionskrankheiten berichtet, hat diese E-Mail erhalten.

Bass erstaunt fragten die Experten der Uni kurzerhand bei der ECDC, dem European Centre for Disease Prevention and Control in Stockholm, nach, wo der betreffende Absatz in dem Bericht geblieben sei. Er war bereits getilgt worden.

In einer Antwort versuchte die ECDC das Vorgehen geradezurücken: "Wichtige beteiligte Partner waren der Ansicht, dass die Veröffentlichung des Namens dem Unternehmen unnötig schade, während die Ermittlungen noch laufen." Entsprechend sei es angebracht gewesen, den Namen wieder zu entfernen.

Die Reaktion darauf kam prompt. Professor Michael Osterholm, Epidemiologe und Seuchenforscher an der Universität Minnesota, bezeichnete die Löschaktion als "Kunstfehler".

"Gefahr für die öffentliche Gesundheit"

Osterholm: "Ich glaube wirklich, dass sie die öffentliche Gesundheit gefährden, indem sie den Namen des Unternehmens entfernen und nicht sagen, warum sie das tun, zumal Bockshornkleesamen womöglich immer noch frei verfügbar sind."

Sollte das Unternehmen in Nordrhein-Westfalen fälschlicherweise genannt worden sein, müssten die Behörden dies öffentlich richtig stellen, forderte Osterholm. Das Unternehmen nicht zu benennen sei hingegen ein Kunstfehler, "vor allem wenn eines ihrer Produkte eine potenzielle Gefahr für die Öffentlichkeit ist".

Tatsächlich könnte es so sein, dass die Behörden mittlerweile etwas vorsichtiger geworden sind, was allzu schnelle Warnungen vor Produkten und Herstellern angeht.

Negativbeispiel aus Hamburg

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks von der SPD hat zweifelhafte Berühmtheit durch ihre Gurkenwarnung erlangt.

Kurz nach dem Auftreten der ersten EHEC-Fälle und ersten Befragungen von infizierten Patienten rief sie in die Mikrofone: "Wir haben die Quelle gefunden." Und: "Die Quelle des Erregers ist eindeutig Spanien."

Kurz darauf gaben die bundesdeutschen Behörden eine offizielle Warnung vor dem Verzehr von Gurken, Blattsalaten und Tomaten heraus. Menschen in Norddeutschland sollten die Gemüse meiden.

Vor allem spanische Bauern litten massiv unter der Verzehrswarnung. Produktion und Export in dem Land kamen zeitweise völlig zum Erliegen. Einige Länder, darunter auch Russland, sprachen ein Importverbot für Gemüse aus der Europäischen Union aus.

Die EU-Minister lieferten sich in der Folge mit ihren russischen Kollegen einen handfesten Streit auf öffentlicher Bühne, sogar die Welthandelsorganisation WTO wurde eingeschaltet.

Im Fall der spanischen Bauern belaufen sich die Einnahmeverluste Schätzungen zufolge mittlerweile auf rund 200 Millionen Euro. Jüngst hatte die EU finanzielle Entschädigungen zugesagt. Auch Bauern in anderen Staaten reklamieren Hilfen.

Schützenhilfe leisten die deutschen Ermittler

Allerdings scheint sich der jetzt ermittelte Pfad der Erregereintragung zu bestätigen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kommt in seiner jüngsten Risikobewertung zu dem Schluss, "dass zur Sprossenherstellung verwendete Bockshornkleesamen mit großer Wahrscheinlichkeit Ursache des Ausbruchs waren".

In Deutschland haben die Kontrolleure des Instituts bislang 41 Erkrankungscluster untersucht, sie haben Lieferlisten und Vertriebswege unter die Lupe genommen. Über 700 Proben von Keimlingen und Sprossensamen haben sie auf den E.-coli-Serotyp O104:H4 untersucht, wenngleich auch negativ.

Doch allein mit dem epidemiologischen Handwerkszeug war es ihnen möglich, die "Erkrankungen auf Sprossen aus einem niedersächsischen Gartenbaubetrieb zurückzuführen". Gemeint ist der Hersteller in Bienenbüttel.

Die jüngsten Funde in Frankreich stützten diese Schlussfolgerung. Denn: "Allein Bockshornklee-Sprossen waren sowohl in der in Frankreich verzehrten Sprossenmischung als auch in Sprossenmischungen des niedersächsischen Gartenbaubetriebs enthalten."

Etliche Erkrankungen in Deutschland werden mit Sprossen von dem Hersteller in Niedersachsen in Verbindung gebracht.

Das BfR geht sogar noch einen Schritt weiter und nennt Bockshornkleesamen derzeit "eine Gefahr für die menschliche Gesundheit". Das gelte auch für Kleinstpackungen, die an Endverbraucher abgegeben werden.

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