Ärzte Zeitung online, 30.08.2011

EHEC in Ägypten: EU sucht vergebens

Wochenlang hatte EHEC die Bundesrepublik im Griff. Die Quelle war lange unbekannt, doch Anfang Juli kam der Durchbruch: Samen aus Ägypten. EU-Fahnder reisten an den Nil. Jetzt sind sie zurückgekehrt - mit leeren Händen. Die Nephrologen bereiten sich derweil auf ihr großes Resümee vor.

Kein EHEC: EU-Mission scheitert in Ägypten

Ägyptischer Bockshornklee mit EHEC? Beweise haben die Ermittler keine gefunden.

© dpa

KAIRO/BRÜSSEL/BERLIN (nös). Die Europäische Kommission wird den Importstopp für Sprossensamen aus Ägypten womöglich schon in den nächsten zwei Wochen aufheben.

Der Grund: Die EU-Experten haben nach ihrer einwöchigen Aufklärungsmission am Nil keine mit EHEC belasteten Sprossensamen gefunden.

Entsprechende Überlegungen hätte die EU-Delegation während ihres Besuchs in Ägypten geäußert, sagte der Präsident des ägyptischen Exportausschusses für Landwirtschaft, Sherif al-Beltaguy.

Die EU-Experten wollen ihre Erkenntnisse, die sie während ihrer einwöchigen Mission in Ägypten gewonnen haben, demnach in der nächsten Woche der EU-Kommission vorlegen.

Ausführliche Analysen führten nach Ägypten

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hatte Anfang Juli Bockshornklee aus Ägypten als mutmaßlichen Auslöser der EHEC-Epidemie identifiziert.

Rund 4400 Menschen waren an den enterohämorrhagischen Escherichia coli, kurz EHEC, erkrankt, die meisten in Deutschland. Insgesamt 53 Menschen starben.

Über intensive Auswertungen hatten die EFSA-Experten aus dem italienischen Parma gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die vermeintliche Quelle des Ausbruchs zurückverfolgen können.

Die Spur führte zunächst von einem Gartenbaubetrieb im niedersächsischen Bienenbüttel über einen Importeur bei Duisburg und schließlich nach Ägypten.

Importiert wurden die Samen bereits Ende 2009 und Anfang 2010. Laut EFSA wurden insgesamt rund 15 Tonnen Bockshornkleesamen eingeführt.

Entscheidender Hinweis über Fälle in Frankreich

Den entscheidenden Hinweis lieferten damals indirekt 13 HUS-Patienten an der französischen Atlantikküste. Die meisten von ihnen waren Gäste bei einem Tag der offenen Tür in einem Gemeindekindergarten bei Bordeaux.

Dort wurden auf einem kalten Buffet auch Sprossen serviert, unter anderem von Bockshornklee. Acht der erkrankten Gäste hatten davon gegessen.

Die Sprossensamen für das Buffet wurden über einen lokalen Anbieter von einem Großhändler aus Großbritannien geliefert. Der wiederum hatte sie von dem deutschen Importeur bei Duisburg bezogen - der entscheidende Schnittpunkt.

Nur wenige Tage zuvor konnte das Robert Koch-Institut hierzulande mittels einer sogenannten rezeptbasierten Kohortenstudie Sprossen aus Bockshornkleesamen als "kleinsten gemeinsamen Nenner" für die Erkrankungswelle ausmachen.

Die Behörden in Deutschland nahmen in der Folge hunderte Proben von Sprossensamen unter die Lupe. Doch selbst die akribischen Laboruntersuchungen in den Referenzlaboratorien von BfR und RKI brachten jeweils nur Negativbefunde.

Einige Betriebe wurden zeitweise sogar gesperrt, darunter auch der Gärtnerhof in Bienenbüttel. Chargen von Sprossensamen wurden aus dem Handel zurückgerufen.

Importverbot bis Ende Oktober

Die EU-Kommission sah sich wegen der Indizien schließlich gezwungen einen Rückruf und ein Importverbot für 15 Sprossensamen aus Ägypten zu verhängen. Der Bann sollte ursprünglich bis zum 31. Oktober gelten.

Experten zufolge wären von dem Importstopp aus Ägypten rund 50.000 Tonnen Sprossensaatgut betroffen. Gesamtwert rund 56 Millionen Euro.

Die ägyptischen Behörden hatten pikiert auf den Bann reagiert und sich dagegen gewehrt. Unter anderem verwiesen sie auf eigene Tests, die durchweg negativ gewesen waren.

Ursprünglich geplant war, dass das EU-Expertenteam Anfang Juli nach Kairo reist. Sie sollten die Behörden vor Ort bei der Aufklärung unterstützen und eigene Erkenntnisse sammeln.

Erkundungsmission startete Ende August

Zwischenzeitlich kam es jedoch zu Verstimmung zwischen Kairo und Brüssel, sodass die EU-Mission verschoben wurde. Schließlich konnte das Expertenteam Anfang letzter Woche an den Nil fliegen.

Ziel waren die Provinzen Minya, Fayoum und Bani Suwaif, wichtige Agrarregionen, in denen auch Sprossensamen angebaut werden - unter anderem die verdächtige Charge, die Ende 2009 importiert wurde.

Doch die EU-Inspektoren fanden - nichts. Ihre Ergebnisse decken sich damit mit denen ihrer ägyptischen Kollegen.

Die Behörden am Nil hatten bereits zuvor immer wieder deutlich gemacht, dass die E.coli-Bakterien auch über einen anderen Weg auf die Sprossenkeimlinge gelangt sein könnten.

Serotyp nie zuvor in Ägypten aufgetaucht

Als möglicher Eintragungsweg wurden Bewässerungsanlagen in den Aufzuchtbetrieben genannt. Entnommene Wasserproben aus dem Gärtnerhof in Bienenbüttel waren allerdings allesamt negativ.

Die deutlichen Negativbefunde aus Ägypten sprechen die nach Indizien belastete Quelle allerdings nicht frei. Denn von den damals aus Ägypten importierten Samen kann nur eine Teilcharge kontaminiert gewesen, die längst verbraucht ist.

Außerdem können sich Keime auch weiterhin auf den möglicherweise belasteten Sprossensamen befinden, nur eben in einer Menge unterhalb der labortechnischen Nachweisgrenze.

Auch wurde von den ägyptischen Behörden die Herkunft des Erregerstamms O104:H4 hinterfragt. Der ägyptische Landwirtschaftsminister Ali Suleiman sagte etwa, dass der spezielle Serotyp noch nie zuvor in Ägypten nachgewiesen wurde.

Chimäre aus verschiedenen Erregern?

Tatsächlich ist der Stamm kein alter Bekannter. Forscher um den EHEC-Experten Professor Helge Karch von der Uni Münster hatten jüngst Ergebnisse publiziert, wonach der Stamm von einem bislang unbekannten Vorläufer abstammt.

Allerdings wurden bereits in den Jahren zuvor zwei ähnliche Stämme in Zentralafrika und bei einem Patienten in Deutschland isoliert. Karch und Kollegen gehen allerdings nicht von einer genetischen Verwandtschaft aus (PLoS One 2011; 6(7): e22751).

US-Forscher vermuten hingegen einen horizontalen Gentransfer zwischen einem enteroaggregativen Escherichia coli (EAEC) und einem Shiga-toxin produzierenden Stamm (NEJM 2011; 365: 709). Karch sieht diesen Zusammenhang allerdings nicht.

DGfN-Symposium präsentiert neue Ergebnisse

Doch unabhängig der Herkunftsanalysen geht auch in Deutschland die Aufarbeitung der Epidemie weiter. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) plant anlässlich ihrer Jahrestagung ein wissenschaftliches Symposium zu EHEC und dem hämpolytisch-urämischen Syndrom, kurs HUS.

Am 9. September werden die ärztlichen Protagonisten in Berlin neueste Ergebnisse vorlegen.

Ein Kern wird das HUS-Register sein, das die DGfN aufgelegt hatte. Dort sind rund 670 HUS-Patienten erfasst. Allein in Deutschland waren rund 852 Menschen an dem Syndrom erkrankt.

DGfN-Präsident Professor Reinhard Brunkhorst sprach gegenüber der "Ärzte Zeitung" von einem "gewissen Stolz" über das Register. Auf dem Symposium würden erstmals umfangreiche Daten zu der HUS-Therapie vorgelegt.

Brunkhorst: "Wir haben ganz viel gelernt. Weltweit werden wir besser wissen als bisher, wie wir mit diesen Patienten umgehen sollen." Das sei ein riesiger Fortschritt. Die Ergebnisse sollen kurze Zeit später wissenschaftliche publiziert werden.

Erste Beobachtungen der beteiligten Ärzte zeigen positives. Teils hieß es, etliche HUS-Patienten würden chronisch dialysepflichtig bleiben.

Nach den jüngsten Daten sind allerdings nur rund 30 Patienten mit Dialysepflicht aus der stationären Behandlung entlassen worden. Die behandelnden Ärzte haben die Hoffnung, dass einige davon in die Remission gelangen.

Endlich über den eigenen Schatten springen

Doch die EHEC-Epidemie offenbart noch ganz andere Seiten. Für Brunkhorst lautet eine Lehre: "In den Krankenhäusern muss die interdisziplinäre Zusammenarbeit besser funktionieren."

Die Erkrankung HUS sei ein echtes Multiorganproblem, doch "wenn jeder nur auf sein Organ guckt, weil er nur das abrechen kann, kommen wir nicht weiter".

Seiner Ansicht nach müsste sich die Mediziner "an die eigene Nase fassen". In den Kliniken gebe es zu viele "Eifersüchteleien". Nun müsse man einen Augenblicke verharren und überlegen, was künftig besser gemacht werden könne.

Ebenso auf die Agenda gehört laut Brunkhorst die Budget-Frage. "Wir haben fast 400.000 Euro mehr aufgebracht."

Budgetfrage ist eine Katastrophe

Über den Mehrerlösausgleich bekomme er aber nur rund 30 Prozent der Kosten von den Kassen wieder. "Das ist ein Katastrophe", so Brunkhorst, der das Klinikum Oststadt-Heidehaus in Hannover leitet.

Er fordert, dass künftig anders geklärt werden müssen, in welcher Situation die Klinikbudgets nicht mehr gelten.

Ideen, wie dies künftig besser umgesetzt werden kann, will Brunkhorst auf einem politischen Podium während der DGfN-Jahrestagung diskutieren.

Zu der Veranstaltung am 10. September sind unter anderem Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), SPD-Gesundheitsexperter Professor Karl Lauterbach und RKI-Präsident Reinhard Burger geladen.

Weitere Informationen: www.dgfn.eu/aktuell/ehec-symposium-2011.html

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »