Ärzte Zeitung, 30.03.2005

1991: Mit Selegilin erstmals am "Basisprozeß gerührt"

Gewinner Movergan® ist der erste MAO-Hemmer

Patient mit Morbus Parkinson mit typischer, nach vorne gebeugter Haltung. Foto: Deutsche Parkinson Vereinigung

Vor 14 Jahren wurde ein Parkinson-Mittel mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis - er hieß damals noch Claudius-Galenus-Preis - ausgezeichnet, das eigentlich bei der Suche nach einer antidepressiv wirksamen Substanz entdeckt wurde. Die Rede ist von Movergan® mit dem Wirkstoff Selegilin von dem Unternehmen ASTA Pharma.

Die Forschungen dazu begannen bereits Anfang der 60er Jahre. Damals wurde die Substanz Selegilin (L-Deprenyl) von Wissenschaftlern des Unternehmens Chinoin in Budapest entwickelt. Sie waren an Präparaten interessiert, die durch Hemmung des am Dopamin-Abbau beteiligten Enzyms Monoamin-Oxidase (MAO) das zentrale Nervensystem beeinflussen. Sie nahmen als Ausgangsstoff eine Kombination aus Methamphetamin und Pargylin, dessen antidepressive Wirkung bekannt war.

Innerhalb einer Dekade waren in der Folge 250 Substanzvariationen hergestellt worden. Schließlich wurde das zuletzt synthetisierte Molekül mit der Bezeichnung E-250 (Phenylisopropylmethylpropinylamin) von Professor Joseph Knoll weiter in Richtung Antidepressivum entwickelt.

Ende der 60er Jahre stellte sich heraus, daß Selegilin selektiv und irreversibel das Enzym MAO hemmt. Anfang der 70er Jahre, als MAO-Hemmer als Antidepressiva genutzt wurden, entdeckte Knoll, daß Selegilin zumindest im Tierversuch möglicherweise nur MAO vom Typ B hemmt.

Weil es keinen "Cheese"-Effekt hat - also hypertensive Krisen nach dem Essen Tyramin-haltiger Nahrungsmittel wie Käse -, begannen 1974 klinische Studien mit Selegilin bei Patienten mit Morbus Parkinson. Zwölf Jahre später im September 1986 wurde es als Movergan® in Deutschland zugelassen.

Die Auswertung mehrerer Studien und die Daten, die innerhalb von fast zehn Jahren gesammelt worden waren, belegten damals, daß Selegilin die Lebenserwartung von Patienten mit Morbus Parkinson verlängert. Eine frühe Behandlung mit Selegelin zögert zudem den Bedarf einer Levodopa-Therapie hinaus.

Aus Anlaß der Verleihung des von der "Ärzte Zeitung" gestifteten Galenus-Preises der Kategorie A in Berlin sagte Professor Werner Poewe vom Uni-Klinikum Rudolf Virchow in Berlin in einem Workshop, daß man erstmals in der Geschichte der Pharmakotherapie von Patienten mit Morbus Parkinson weg von der bloßen Beeinflussung der Symptome sei und beginne, "am Basisprozeß zu rühren".

Auch Professor Ursula Lehr, Gerontologin und ehemalige Bundesgesundheitsministerin, lobte das Präparat als innovatives Medikament. Sie erinnerte daran, daß Galen als Vater der Geriatrie gilt, und empfand daher die Verleihung des Galenus-Preises gerade für ein Präparat zur Therapie bei Morbus Parkinson, an der vor allem ältere Menschen erkrankten, als sehr passend.

1991 wurden außer in der Kategorie A keine weiteren Galenus-Preise, also der Kategorie B und der Kategorie C - in Form einer Medaille in der Kategorie C zusätzlich mit 20 000 DM - verliehen. Der Grund: Es waren damals keine oder nicht ausreichend qualifizierte Bewerbungen eingegangen. (ple)

Weitere Beiträge zur Serie:
"Chronik der Preisträger"

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