Ärzte Zeitung online, 26.04.2017
 

Extreme Frühgeburten

Lämmer-Frühchen reifen in künstlicher Fruchtblase

Extrem früh geborene Lämmer haben Wissenschaftler an eine künstliche Fruchtblase angeschlossen, die die Tiere mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgte. Einige der Lämmer hätten sich relativ normal weiterentwickelt, berichten die Forscher.

Lämmer-Frühchen reifen in künstlicher Fruchtblase

Grafische Darstellung eines Lamm-Frühchens in einem sogenannten „Biobag“, einer Art künstlicher Gebärmutter. “

© Children’s Hospital of Philadelphia/dpa

PHILADELPHIA. Extrem früh geborene Lämmer können in einer Art künstlichen Fruchtblase und mit einer künstlichen Plazenta gut vier Wochen lang heranreifen, berichten Wissenschaftler um Dr. Alan W. Flake vom Children's Hospital in Philadelphia (Nat Comm 2017; 8:15112).

In den Versuchen der Forscher wurden acht Lämmer nach 105 bis 120 Tagen (von üblicherweise rund 145 Tagen) Tragzeit in der Gebärmutter per Kaiserschnitt geboren; ihre Nabelschnur wurde innerhalb von Minuten über eine Kanüle an eine künstliche Plazenta angeschlossen und die Tiere dann in einen "extrakorporalen Biobag", einem flüssigkeitsgefüllten Beutel, eingeschlossen. So erhielten die Tiere über einen externen Kreislauf Nährstoffe, Sauerstoff und Flüssigkeiten.

Im Laufe von bis zu vier Wochen in diesem "Biobag" wuchsen einige Tiere relativ normal heran, öffneten ihre Augen und bewegten sich altersgerecht, wie die Forscher berichten. Auch die Lungen entfalteten sich und das Gehirn sei normal ausgereift.

Die Ergebnisse könnten nach Ansicht der Studienautoren auch für menschliche Frühchen bedeutsam sein: Das Alter der extrem frühgeborenen Lämmer entspricht in der menschlichen Entwicklung ungefähr jener "Grauzone" an der Grenze der Lebensfähigkeit von extrem unreifen Frühchen, die zwischen der 22. und 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Besonders kritisch sind die Prognosen für ein behinderungsfreies Überleben bei extremen Frühchen mit einem Gestationsalter von unter 25 Schwangerschaftswochen.

Die Wissenschaftler betonen, dass vor einer ersten experimentellen Erprobung an menschlichen Frühgeborenen die künstliche Plazenta weiterentwickelt werden müsse: Humane Föten sind um die 23. Schwangerschaftswoche sehr viel kleiner als die Föten von Schafen. Auch die kritischen Phasen der Hirnentwicklung unterscheiden sich zwischen Lämmern und menschlichen Föten.

Unklar ist auch, ob die zeitkritische Verbindung zwischen Nabelschnur und dem extrakorporalen Erhaltungssystem nach einer extremen Frühgeburt möglich ist, ohne dass Sauerstoffmangel im Gehirn auftritt.

Welche subtilen Entwicklungsstörungen nach einer längeren Entwicklungszeit von Föten außerhalb der Gebärmutter auftreten können, ist selbst bei Lämmern bisher nicht erforscht, weil die Experimente nach vier Wochen im "Biobag" aus Tierschutzgründen abgebrochen wurden.

Auch deutsche Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Methode noch hochexperimentell sei und über Jahre weiterentwickelt werden müsse: "Ich halte es für völlig unrealistisch, dass man eine extrakorporale Oxygenierung in den nächsten fünf Jahren bei extremen Frühgeborenen einsetzen wird. Die Gefahr von Blutungen, Thrombosen und Infektionen ist viel zu groß", meint Professor Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie, Charité Universitätsmedizin Berlin.

Professor Thomas Kohl, Leiter des Deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und minimal-invasive Therapie in Gießen fügt hinzu: "Prinzipiell lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse auf den Menschen übertragen. Die Situation extrem früh geborener Kinder wird sich zunächst allerdings kaum verbessern, da die Technologie noch über Jahre weiterentwickelt werden muss."

Vielversprechender ist es Kohls Meinung nach, solche ungeborenen Kinder, deren bedrohliche Kreislaufsituation schon bei Ultraschalluntersuchungen erkannt wird, im Anschluss an ein spezielles Entbindungsverfahren – die sogenannte EXIT-Prozedur – in die künstliche Gebärmutter zu überführen.

Zusätzliche Gefahren wie etwa Auskühlung, Keimbesiedlung oder die Notwendigkeit, die Kinder zu beatmen, könnten so gemieden werden, so der Experte. (bae/dpa)

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