Ärzte Zeitung, 14.11.2016
 

Weißkittelhypertonie

Wie groß ist die Gefahr von Spätfolgen?

Eine Weißkittelhypertonie kommt relativ häufig vor. Ob dieses Phänomen Spätfolgen mit sich bringen kann, ist bisher nicht endgültig geklärt. Einer aktuellen Kohortenstudie zufolge spielt hierfür das Alter der Patienten eine entscheidende Rolle.

Von Veronika Schlimpert

Wie groß ist die Gefahr von Spätfolgen?

Blutdruckwerte, die der Arzt misst, sind oft höher als vom Patienten selbst zu Hause gemessene Werte.

© eyetronic / fotolia.com

LEUVEN. Wirkt sich eine Weißkittelhypertonie auf die Prognose der Betroffenen aus? Diese Frage wird seit der Erstbeschreibung dieses Phänomens vor nunmehr 32 Jahren durch Thomas Pickering kontrovers diskutiert. Anfangs hielt man die Weißkittelhypertonie für "klinisch harmlos". Denn definitionsgemäß liegen die zuhause gemessenen Blutdruckwerte und die ambulanten 24-Stunden-Blutdruckmesswerte von Weißkittelhypertonikern im Normbereich und die in der Arztpraxis gemessenen erhöhten Blutdruckwerte scheinen nur einer gewissen Nervosität und Aufregung des Patienten geschuldet zu sein.

Prognostische Bedeutung fraglich

Doch im Laufe der Zeit wurde immer wieder über Fälle berichtet, in denen eine Weißkittelhypertonie mit einem erhöhten kardiovaskulären Morbidität und Mortalität einherging. Zwar war die Gefährdung geringer als bei einer "richtigen Hypertonie", aber doch höher als bei normotensiven Personen. Diese Befunde führten zu der Überlegung, ob auch Menschen mit einer Weißkittelhypertonie medikamentös behandelt werden sollten.

Den Ergebnissen einer aktuellen großen Kohortenstudie zufolge erscheint eine solches Vorgehen zumindest regelhaft nicht sinnvoll. In dieser Analyse nämlich wiesen die meisten Patienten mit Weißkittelhypertonie ein vergleichbares kardiovaskuläres Risiko auf wie Personen mit normalem Blutdruck (J Am Coll Cardiol. 2016; 68: 2033-2043).

Um einen Einfluss des Alters und des kardiovaskulären Baseline-Risikos auf das Outcome ausschließen zu können, haben die Studienautoren die insgesamt 653 Weißkittelhypertoniker mit 653 normotensiven Personen hinsichtlich ihres Alters und kardiovaskulären Risikos gematcht. Informationen zu den Teilnehmern entnahmen sie der IDACO-Datenbank, die sich aus elf verschiedenen Kohorten zusammensetzt.

Während des 10,6-jährigen Beobachtungszeitraumes war das Risiko, ein kardiales Ereignis zu erleiden, für Hochrisikopatienten mit Weißkittelhypertonie mehr als doppelt so hoch als bei entsprechend gematchten normotensiven Kontrollpersonen (Hazard Ratio, HR: 2,06). Die Weißkittelhypertoniker mit weniger als drei nach ESC/ESH definierten Risikofaktoren wiesen hingegen ein vergleichbares kardiovaskuläres Risiko auf (HR: 1,06). Generell kam es zu einem Anstieg des Weißkitteleffekts um systolisch 3,8 mmHg mit jedem weiteren Alterszuwachs um zehn Jahre.

Nur im Alter gefährlich

Einer Subgruppenanalyse zufolge ging von einer Weißkittelhypertonie allerdings nur bei älteren Patienten (über 60 Jahre) mit Hochrisikoprofil eine Gefährdung aus; diese machten einen Anteil von 14,1 Prozent aller in dieser Studie registrierten Weißkittelhypertoniker aus. In dieser Gruppe kam es im Follow-up zu 30 kardiovaskulären Ereignissen im Vergleich zu 22 in der gematchten Kontrollgruppe (HR: 2,19). Bei den restlichen Patienten, also bei jüngeren Personen, ging eine Weißkittelhypertonie mit keiner Risikoerhöhung einher, egal ob ein niedriges oder hohes kardiovaskuläres Risiko vorgelegen hatte.

Daher kommen die Studienautoren um Stanley Franklin von der Universität in Leuven zu dem Schluss, dass "die große Mehrheit der Personen mit Weißkittelhypertonie im Vergleich zu normotensiven Kontrollpersonen keinen Übergang in ein Hochrisiko-Status vollzieht". Sie plädieren deshalb dafür, die Nomenklatur "Weißkittelhypertonie" in "Weißkittel-Phänomen" zu ändern. Das vermehrte Vorkommen kardiovaskulärer Ereignisse bei älteren Hochrisikopatienten könnte dadurch zustande kommen, dass bei ihnen des Öfteren eine isolierte systolische Hypertonie fälschlicherweise als Weißkittelhypertonie eingestuft worden ist.

Gerade bei Älteren mit hohem Risiko nehmen die Fälle einer neu-diagnostizierten isolierten systolischen Hypertonie zu. Die Autoren betonen, wie wichtig wiederholte Blutdruckmessungen und die Methodik für die richtige Diagnosestellung sind. Eine einmalige 24-Stunden-Blutdruckmessung könne eine systolische Hypertonie bei älteren Menschen nicht immer zuverlässig detektieren.

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