Ärzte Zeitung, 15.11.2016
 

Vorhofflimmern

Kurze Episoden wohl ohne Risiko

Patienten, die nur kurze Episoden von Vorhofflimmern bzw. atrialen Tachykardien (AT/AF) aufweisen, haben über zwei Jahre kein erhöhtes Risiko.

Für die Indikationsstellung zur Antikoagulation bei Vorhofflimmern berücksichtigen Leitlinien bisher in der Regel nur das Gesamtrisiko der Patienten, nicht dagegen die Länge einzelner AT/AF-Episoden. Im Rahmen des RATE-Registers haben Rhythmologen jetzt bei Patienten mit kardialen Implantaten die Länge der Episoden von Vorhofflimmern bzw. atrialen Tachykardien über zwei Jahre mit klinischen Ereignissen korreliert (Circulation 2016; 134:1130-40).

Die Frage war, ob auch kurze Episoden mit einer erhöhten Ereignisrate einhergehen. Definiert wurde die atriale Tachykardie bzw. das Vorhofflimmern als das Auftreten von mindestens drei vorzeitigen atrialen Komplexen hintereinander im Elektrogramm (EGM) der Implantate. Als kurz galten alle Episoden, bei denen sowohl der Anfang als auch das Ende der Episode in derselben EGM-Aufzeichnung lagen. In aller Regel waren die Episoden kürzer als 15 Sekunden.

Insgesamt nahmen am RATE-Register zwischen 2006 und 2012 über 5300 Patienten teil. Von diesen wurden 300 Schrittmacher und 300 ICD-Träger für die Analyse ausgelost. Zusätzlich wurden alle anderen Patienten ausgewertet, die im Rahmen des Registers klinische Ereignisse ereilten – definiert als atriale oder ventrikuläre Arrhythmien, Schlaganfälle, TIAs, Synkopen oder Krankenhauseinweisungen bzw. Notaufnahmebesuche wegen Herzinsuffizienz. Jedem Patienten mit klinischem Ereignis wurden außerdem zwei Kontrollpatienten ohne Ereignis zugeordnet. Jedes einzelne EGM wurde manuell kontrolliert, bevor die Diagnose "atriale Tachykardie/Vorhofflimmern" gestellt wurde. Insgesamt wurden über 37.000 EGM-Streifen von 1736 Patienten analysierten.

Im Ergebnis zeigte sich, dass von den ausgelosten 600 Implantatpatienten 50 Prozent zumindest eine AT/AF-Episode aufwiesen, die den Definitionskriterien genügte. 9 Prozent der Schrittmacherpatienten und 16 Prozent der ICD-Patienten hatten ausschließlich kurze AT/AF-Episoden im medianen Follow-up-Zeitraum von 22,9 Monaten.

Diese Patienten hatten im Vergleich zu Patienten ohne AT/AF-Episoden kein erhöhtes Risiko für klinische Ereignisse. Bei Patienten mit langen AT/AF-Episoden waren es vor allem die ICD-Träger, die ein signifikant erhöhtes Risiko aufwiesen (OR 1,57, p=0,006). Bei den Schrittmacherpatienten mit langen AT/AF-Episoden war das Risiko ebenfalls erhöht. Die Signifikanz wurde jedoch verfehlt. Patienten mit klinischen Ereignissen hatten insgesamt häufiger AT/AF-Episoden jeglicher Länge als Patienten ohne klinische Ereignisse.

Nach Aussage der Autoren handelt es sich um die erste wirklich zuverlässige Analyse zur Korrelation der Länge von AT/AF-Episoden und klinischen Ereignissen bei Trägern klinischer Implantate. Sie raten auf Basis ihrer Daten vor allem aufgrund des geringen Schlaganfallrisikos davon ab, bei Patienten, bei denen bisher nur kurze AT/AF-Episoden dokumentiert wurden, reflexartig eine Antikoagulation zu empfehlen. Stattdessen sollten regelmäßige Auswertungen erfolgen, um längere AT/AF-Episoden nicht zu übersehen und einen günstigen Zeitpunkt für den Beginn einer Antikoagulation nicht zu verpassen. (gvg)

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