Ärzte Zeitung, 16.02.2007

HINTERGRUND

Zum Wochenenddienst nach Großbritannien - 16 bis 20 Stunden arbeiten für 83 Euro die Stunde

Von Arndt Striegler

" Deutsche Ärzte werden in Großbritannien gerne gesehen, da sie hoch qualifiziert und tüchtig sind." So kommentiert eine Sprecherin des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) die berufliche Situation deutscher Mediziner im Königreich. Immer mehr sind bereit, auf der Insel zu arbeiten: Erst Ende Januar hattte die "Ärzte Zeitung" (wir berichteten) acht Ärzte aus Berlin nach London begleitet. Freilich: In den britischen Medien finden sich regelmäßig negative Artikel, die die Rolle ausländischer Ärzte im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) eher kritisch kommentieren.

Flying Doctors: Ärzte aus Berlin auf dem Weg nach Großbritannien. Vor der Arbeit auf der Insel müssen sie sich in London registrieren lassen. Foto: ami

Mehrere hundert deutsche Ärzte arbeiten auf der Insel

Wie aus aktuellen Zahlen des Londoner Gesundheitsministeriums hervor geht, praktizieren derzeit mehr als 23 100 Ärzte aus ganz Europa in Großbritannien. Eine genaue Zahl der deutschen Mediziner in Großbritannien hat das Gesundheitsministerium auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" in London nicht parat. Allerdings dürfte es sich um "mehrere hundert Ärzte" handeln, schätzt die BMA.

Viele deutsche Ärzte fliegen für kürzere Zeitabstände - zum Beispiel für ein Wochenende - nach Großbritannien, um dort Vertretungsdienste zu übernehmen. Nach Angaben des BMA sind die Erfahrungen mit deutschen Haus- und Fachärzten "sehr positiv". "Die deutschen Ärzte sind hier gerne gesehen!"

Britische Ärzte suchen Vertreter fürs Wochenende

Einer der Gründe für den relativ großen Bedarf an ausländischen Ärzten im Königreich ist ein vor etwa zwei Jahren in Kraft getretener neuer Arbeitsvertrag für die staatlichen NHS-Ärzte. Darin wird es den Kollegen deutlich erleichtert, Vertretungsdienste an Wochenenden, nachts und an Feiertagen nicht selbst übernehmen zu müssen. Die Ärzte sind lediglich verpflichtet, eine Vertretung für diese Zeiten zu beschaffen. Unterstützt werden sie dabei von ihrer lokalen Gesundheitsverwaltung, die sich auch an internationale Arbeitsvermittler wendet.

In Deutschland operieren inzwischen viele Unternehmen, die Ärzte für kürzere Vertretungsdienste nach Großbritannien vermitteln. "Die Bedingungen für die Wochenendarbeit in Großbritannien sind oft sogar besser als in Deutschland", berichtet der deutsche Hausarzt Winfried Brenneis. Brenneis arbeitete ursprünglich als Arzt in einem britischen Asylbewerberheim in der Nähe der Universitätsstadt Cambridge. Doch seitdem sich der 41-Jährige auf die Vermittlung von deutschen Medizinern nach Großbritannien spezialisiert hat, bleibt ihm für den direkten Kontakt zu Patienten nur noch wenig Zeit.

Auch andere Unternehmen wie die deutsche Agentur "Panacea 4 U" vermitteln regelmäßig deutsche Ärzte auf die Insel. "Deutsche Ärzte gehen aus ganz unterschielichen Gründen nach Großbritannien", erklärt Panacea-Inhaber Wolfgang Wannoff. "Allgemeinärzte fliegen häufig für längere Wochenenden rüber, um dort Vertretungsdienste zu übernehmen. Ein durchschnittliches Wochenende umfaß zwischen 16 und 20 Stunden Arbeitszeit. Der durchschnittliche Stundenverdienst liegt bei 55 Pfund (umgerechnet etwa 83 Euro)." Die britischen Medien nennen diese Ärzte gerne auch "Flying Doctors".

Anders ist die Situation bei Fach- und Klinikärzten. Laut Wannoff bleiben die meisten Spezialisten für einen längeren Zeitraum auf der Insel. "Viele jüngere Urologen, Chirurgen und Gynäkologen sehen in Großbritannien attraktive berufliche Chancen und nutzen auch die gute berufliche Weiterbildung", so Wannoff weiter.

Freilich: Unter Fachärzten gibt es immer wieder "gewisse Widerstände"(Wannoff) gegenüber deutschen Kollegen. Da spiele nicht zuletzt "ein gewisses Konkurrenzdenken" eine Rolle. Interessanterweise sei dies an Überweisungen festzumachen. So hat der Arbeitsvermittler "gewisse Vorbehalte" bei britischen Primärärzten beobachtet. "Da gibt es noch immer ein Old Boys Network. Man überweist seinen Patienten lieber an einen Kollegen, den man seit Jahren kennt, anstatt ihn an einen unbekannten Deutschen zu überweisen."

Patientenverbände stehen dem Ärzte-Import aus Deutschland positiv gegenüber. Immerhin sorgen die Ärzte aus Deutschland dafür, dass Wartezeiten verkürzt und hausärztliche Notdienste besetzt sind.

In britischen Medien wird oft weniger pfleglich mit Ärzten aus dem Ausland umgegangen. "Jeder zehnte ausländische Arzt spricht kein Englisch", titelte kürzlich die Londoner Abendzeitung "Evening Standard". Der Artikel bezieht sich auf eine aktuelle Untersuchung in der behauptet wird, viele nach Großbritannien kommenden Ärzte hätten Probleme, sich mit ihren Patienten zu verständigen. Das gefährde Patientenleben.

Ärzte aus Europa müssen keinen Sprachtest vorweisen

Der General Medical Council (GMC) - ein Organ der ärztlichen Selbstverwaltung im Königreich - verlangt, dass sich alle ausländischen Ärzte, die in Großbritannien praktizieren möchten, zunächst einem Sprachtest unterziehen müssen. Nach den Bestimmungen können Ärzte aus EU-Ländern einen solchen Englisch-Test vermeiden, während Ärzte aus den USA und Australien eine Prüfung absolvieren müssen. Diese Forderungen des GMC richten sich allerdings nicht gezielt an deutsche Ärzte, die nach BMA-Angaben "meist sehr gutes Englisch sprechen".

STICHWORT

Arbeiten in England

Das englische Gesundheitssystem ist zweistufig: Auf der Ebene der Erstversorgung (Primary Care) übernehmen Hausärzte eine Lotsenfunktion. Außerhalb der Praxiszeiten organisieren die rund 300 Primary Care Trusts (PCT) in England Notdienste. Hausärzte aus Deutschland können solche Wochenenddienste übernehmen. Dazu ist eine Registrierung beim General Medical Council (GMC) und die Zulassung bei einem PCT mit Sprachnachweis nötig.

Mehr dazu: www.britischebotschaft.de/pdf/workUK_ger.pdf und www.panacea.de

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