Ärzte Zeitung, 11.02.2004

Kino für die Ohren auf den Filmfestspielen

Audiodeskription auf der Berlinale / Hörfilm-Gesellschaft bearbeitet Spielfilme für Blinde und Sehbehinderte

BERLIN (ine). Im Zoo Palast in Berlin ist an diesem Nachmittag viel los. Gleich hat der Kinofilm "Die Blindgänger" Premiere. Darin geht es um zwei blinde Mädchen, die eine Schülerband gründen, um bei einem TV-Wettbewerb mitzumachen. Im Foyer kann man sich dazu Infrarot-Kopfhörer ausleihen, denn der Beitrag zum Kinderfilmwettbewerb der Berlinale ist auch für Blinde und Sehbehinderte erlebbar.

Rettung in letzter Sekunde: Der Film "Die Blindgänger" erzählt vom Alltag blinder Teenager. Er hat auf der Berlinale Premiere - per Kopfhörer können sich Blinde die Bilder zum Film beschreiben lassen. Foto: Berlinale

Audiodeskription nennt sich das Verfahren, das Spiel- und Fernsehfilme für Blinde aufbereitet. Es ist eine Art Kino für die Ohren. Über Kopfhörer werden die Filmbilder beschrieben. Kommentiert wird immer dann, wenn gerade nicht gesprochen wird und auch keine Straßenbahn laut rumpelnd durchs Bild fährt.

"Marie und Inga nehmen Herbert in die Mitte und laufen los", heißt es da, oder: "Marie schaut dem Jungen nach." Beschrieben werden Handlung, Gestik, Mimik und Dekors. Die Kommentare sind kurz und knapp. Die Lautstärke kann sich jeder selbst einstellen. "Der eine mag es ein bißchen lauter, der andere etwas leiser", sagt Martina Wiemers von der gemeinnützigen Gesellschaft Deutsche Hörfilm (GDH) in Berlin.

Seit 1999 arbeitet die Festivalleitung mit der Hörfilm-Gesellschaft zusammen. Damals hatte sich Filmemacher Wim Wenders bei den Berlinale-Organisatoren für die Audiodeskription des Musikfilms "Buena Vista Social Club" eingesetzt. "Wir haben uns dann in den offiziellen Festivalbetrieb eingefädelt", sagt Wiemers im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Heute unterstützt die Berlinale das Projekt. "Das ging alles erfreulich schnell." Wiemers ist froh, daß das Filmfest mit seiner besonderen Atmosphäre auch für Blinde und Sehbehinderte erlebbar ist. Auf der Berlinale wird jeder Film zum Event: Wie im Theater gibt es bei manchen Szenen Applaus oder Buuhs - und wer Glück hat, der sitzt mit den Filmemachern in einer Sesselreihe.

Außerhalb des Festivals ist Kino für Blinde jedoch immer noch eine Ausnahme. Meist sind es Fernsehproduktionen, die von dem Hörfim-Team bearbeitet werden. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir gut 250 Filme bearbeitet, darunter war Good bye, Lenin! oder Dancer in the Dark." Um als Hörfilm bearbeitet zu werden, müssen die Filme bestimmte Kriterien erfüllen: Filmklassiker und Block Buster gehören dazu, aber auch Eigenproduktionen eines Senders, die in möglichst vielen anderen Programmen wiederholt werden - am besten zu einer attraktiven Sendezeit.

20 freie Mitarbeiter sind bei der Hörfilm GmbH für die Bildbeschreibungen zuständig. Die Audiodeskription wird von Sehenden und Blinden erarbeitet. Szene für Szene wird auf Zeitsprünge, Rückblenden, auf Haupt- und Nebenhandlungen analysiert. Der Text dazu wird im Tonstudio aufgenommen, mit der Originaltonspur abgemischt und auf die zweite Spur des Sendebandes kopiert.

Das Angebot kommt an. "Es ist eine große Bereicherung, das zeigen die Rückmeldungen", sagt Wiemers. "Es muß niemand dabei sein, der simultan übersetzt - das bedeutet für Blinde und Sehbehinderte letztendlich ein großes Stück Selbständigkeit."

Filme in Audiodeskription auf der Berlinale: "Die Nacht singt ihre Lieder" 12. Februar, 21 Uhr, Royal-Palast, "Jargo", 15. Februar, 11 Uhr, Atelier am Zoo. Infos zum TV-Programm unter www.hoerfilm.de

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