Ärzte Zeitung, 14.12.2004

Weiße Arztkittel hängen neben buntem Heiler-Gewand

"Doktor Medizinmann" - eine Ausstellung im Klinikum Bremen-Ost ist den Ritualen der Heilkunst gewidmet

Von Christian Beneker

Bei uns signalisiert der weiße Kittel Vertrauen in die ärztliche Heilkunst, anderswo ist es das bunte Gewand. Foto: cben

Moderne Magie und Rituale in der Arztpraxis tragen nicht nur in Afrika oder Südamerika, sondern auch in Deutschland zur Gesundung der Patienten bei. Diesen Eindruck vermittelt die derzeit laufende Ausstellung "Doktor Medizinmann. Rituale der Gesundheit", die bis zum 19. Dezember in der Galerie im Park des Klinikums Bremen-Ost gezeigt wird.

Zum 100jährigen Bestehen des Krankenhauses Bremen-Ost, das dieser Tage begangen wird, zeigt die Ausstellungs-Galerie des Hauses vertraute und ganz fremde Utensilien der Heilung: eine afrikanische Fetisch-Figur, in die ein Medizinmann für jede Behandlung einen Nagel einschlägt, neben der "original Hanau Höhensonne", deren Strahlung die Kinder hierzulande von Rachitis bewahren sollte.

Rotbäckchensaft, Heilwasser und Döschen mit Placebos

Die kalkweißen Kittel der Mediziner westlicher Prägung hängen neben Amuletthemden und Gewändern peruanischer Heiler, Rotbäckchensaft steht neben Heilwasser. Ein indischer Heilkreis, in einer kleinen Sandkiste aufgebaut, interpretiert Krankheit auch als Konflikt mit den Gestirnen; die Placebo-Döschen eines deutschen Arzneimittel-Herstellers zeigen, daß Krankheit eine reine Psychokiste sein kann. Die Pillen helfen, weil der Patient an die Magie moderner Chemie glaubt.

Achim Tischer, Leiter der Galerie, setzt sich im nachgebauten Behandlungszimmer hinter den Arztschreibtisch und deutet auf die Tischplatte: "Das reicht schon", sagt er. Vor ihm ein Rezeptblock, ein Stift und ein Blutdruckmeßgerät. "Hauptsache, der Arzt hat den Blutdruck gemessen, Hauptsache, der Arzt hat ein Rezept aufgeschrieben - dann werde ich schon gesund", interpretiert Tische das karge Ensemble vor sich, "das sind moderne Rituale." Ein Stethoskop funktioniert ungefähr so wie die geheimnisvollen Utensilien in der Felltasche eines afrikanischen Medizinmannes.

  Die Initiatoren haben eine echte Heilerin eingeladen.
   

Daß auch in der aufgeklärten Medizin der westlichen Welt nicht alles wirklich deutlich wird, sollen Schallplatten belegen, die in den 60er Jahren Medizinern zur Fortbildung dienten: Darauf erklärt eine sonore Stimme im schaurigsten Mediziner-Kauderwelsch die Expirationsbildung oder die Asthmaoide Bronchitis.

Oft genug schwappt solche Fachsprache in die Behandlungszimmer hinüber und hinterläßt zwar verwirrte, aber gläubige Patienten und trägt wie durch ein Wunder zur Heilung bei. Allerdings nur, solange es die Patienten gar nicht so genau wissen wollen. Anderenfalls bewirkt des Doktors Latein auch das Gegenteil.

Dann also doch lieber die ganz alltägliche Magie? Bei Vollmond an eine Wegkreuzung wandern und über die lästige Warze lecken? Oder sie gleich "besprechen" lassen? Die Ausstellungsmacher haben auch eine echte Heilerin an die Weser geladen, die während der Ausstellung über ihre Arbeit sprechen wird. Aber nicht nur Profis kommen zum Zug. "Wir wollen auch von den Ausstellungsbesuchern sammeln, welche Heilrituale und Hausmittelchen heute noch in ihren Familien angewandt werden", sagte Tischer.

Arzt des Vertrauens empfiehlt wohltuende Spaziergänge

Hilft das alles nichts, führt dann doch der Weg zurück in die Hausarztpraxis. Dort werden Patienten vom Arzt des Vertrauens abgehorcht, der mit warmer Stimme ein paar wohltuende Spaziergänge empfiehlt. Sogleich entfaltet sich in den Patienten das Gefühl beruhigender Gesundheit.

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