Ärzte Zeitung, 12.01.2005
 

"Ein großes Lob für die thailändischen Kollegen!"

Ein Oberfeldarzt berichtet über den Einsatz der fliegenden Intensivstation nach der Tsunami-Katastrophe / Hoher Bedarf an Zuwendung

KOBLENZ (ger). Als bekannt wurde, daß bei der Tsunami-Katastrophe verletzte Urlauber nach Deutschland ausgeflogen werden müssen, war die Bundeswehr sofort zur Stelle: 130 Patienten hat die Luftwaffe in drei Flügen mit dem Lazarettflugzeug Airbus A 310 MRT MedEvac ausgeflogen und nach Deutschland gebracht. Beim dritten Flug dabei war auch Anästhesist Dr. Horst Freitag aus Koblenz.

Ein Sanitätssoldat richtet auf dem Flughafen Köln/Bonn an Bord eines Airbus-Lazarettflugzeuges A 310 MRT MedEvac eine der Patienten-Liegen ein. Foto: dpa/Archiv

Vor allem Verletzte mit Knochenbrüchen und großflächigen Wunden haben die Ärzte und Sanitäter Anfang Januar in Bangkok an Bord der fliegenden Intensivstation übernommen, teilweise auch mit schwersten Verletzungen, berichtet Oberfeldarzt Dr. Horst Freitag. Noch mehr schmerzten viele jedoch die Wunden in der Seele: Die traumatisierten Patienten brauchten vor allem viel Zuwendung, so der Anästhesist.

Das Flugzeug hat 38 Liegen und sechs Intensivbetten an Bord und war voll ausgelastet. "Wir haben auch beatmet während des Fluges", so Freitag. Ein Patient mit beginnendem Multiorganversagen sei katecholaminpflichtig gewesen. Aber auch er sei in Deutschland stabil übergeben worden.

Anästhesist Oberfeldarzt Dr. Horst Freitag, Bundeswehrkrankenhaus Koblenz: "Die Patienten haben wahnsinniges Leid erlebt, das überträgt sich auch auf einen selbst."

Die Verletzten, die die Besatzung in der Flughafenhalle in Bangkok übernommen habe, seien alle in sehr gutem Zustand gewesen und hätten auch Antibiotika für die Weiterbehandlung dabeigehabt. "Großes Lob für die thailändischen Kollegen", bekundet Freitag seinen Respekt vor dem medizinischen Standard in dem Land in Südasien. Die Versorgungsqualität sei mit der in Deutschland absolut vergleichbar.

Während des 15stündigen Transfers nach Deutschland habe man bei leicht Verletzten die Verbände gewechselt. Außerdem wurde bei allen Patienten die Diagnose überprüft und noch vor der Landung nach Deutschland für die Weiterbehandlung durchgegeben. Um die schwer Verletzten hätten sich vor allem die fünf Anästhesisten an Bord gekümmert. Hinzu kam - "so weit wir konnten" - die psychologische Betreuung an Bord.

Der Einsatz war daher nicht nur wegen der körperlichen Beanspruchung anstrengend, sondern auch wegen der psychischen Belastung: Freitag, der als Anästhesist seit 18 Jahren bei der Bundeswehr tätig ist: "Die Patienten haben wahnsinniges Leid erlebt, das überträgt sich auch auf einen selbst."

Die Weiterleitung in Deutschland über Rettungswagen zu Kliniken in Wohnortnähe für die Patienten hat dann ebenfalls sehr gut funktioniert. Für das Sanitätspersonal war der Einsatz damit noch nicht beendet. Freitag: "Es gab noch eine Nachbesprechung - ein sogenanntes De-Briefing - mit viel, viel Lob, aber auch mit Überlegungen, was man noch besser machen könnte." Das Gespräch sei auch hilfreich gewesen, das Erlebte absacken zu lassen. "Das hilft bei der Verarbeitung. Nach dem Einsatz habe er sich dann eine zweitägige Auszeit erbeten und auch bekommen.

Die Luftwaffe hält zur Zeit weiter einen Airbus für Krankentransporte nach der Tsunami-Katastrophe in Bereitschaft, zur Zeit gibt es allerdings keine Anforderungen des Auswärtigen Amtes. Für Oberfeldarzt Dr. Horst Freitag war der Flug nach Bangkok der erste Einsatz in dieser Dimension. Für ihn ist dennoch klar: "Wenn morgen der nächste Einsatz käme, wäre ich wieder mit dabei."

Stichwort

Airbus MedEvac

Zum Ausfliegen von Verletzten bei internationalen Krisen oder auch nach Naturkatastrophen stehen der Bundeswehr insgesamt vier Multifunktionsflugzeuge Airbus A 310 MRT (Multi-Role-Transport) MedEvac (medical evacuation) zur Verfügung. In der Regel ist ein Flugzeug in Bereitschaft, die anderen können bei Bedarf schnell ausgerüstet werden. Der Stationsbereich hat 38 Liegeplätze, im Intensivbereich können sechs lebensbedrohlich Erkrankte transportiert werden. Zur Ausstattung gehören unter anderem ein Intensivbeatmungsgerät, ein Überwachungsmonitor für Puls, EKG und Herzkreislaufwerte, ein Chemielabor und ein Kühlschrank zur Aufbewahrung von Blutkonserven. Die Besatzung besteht aus 27 Angehörigen des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr, vom Anästhesisten über Chirurgen bis hin zu Rettungsassistenten, Sanitätern und Anästhesiefachpflegern. (ger)

 

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