Ärzte Zeitung, 03.03.2005

Moral verzögerte Sieg über Lustseuche

Heute vor 100 Jahren entdeckten zwei Berliner Forscher den Erreger der Syphilis

BERLIN (dpa). Sie hieß Lustseuche oder Franzosenkrankheit, und sie hatte so prominente Opfer wie den Philosophen Friedrich Nietzsche oder den Dichter Heinrich Heine: die Syphilis. Erst vor 100 Jahren, am 3. März 1905, entdeckten zwei Berliner Forscher den Erreger dieser Geschlechtskrankheit, die in Europa 500 Jahre lang so gefürchtet war wie kaum eine andere Infektion.

Der Serologe Paul Ehrlich entwickelte 1910 mit Salvarsan ein erstes Chemotherapeutikum gegen Syphilis. Foto: dpa

Vermutlich fanden die Syphilis-Bakterien nach der Entdeckung Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts ihren Weg nach Europa. Seefahrer sollen die Krankheit eingeschleppt haben. Ihren Namen bekam sie 1530 durch das Lehrgedicht eines italienischen Arztes.

Darin wird der Hirte Syphilus für sein lasterhaftes Leben mit der Krankheit gestraft. Im Volksmund hieß die Infektion lange Franzosenkrankheit, weil die Soldaten des französischen Königs Karl VIII. bei der Belagerung Neapels Ende des 16. Jahrhunderts zu hunderten durch eine Syphilis-Epidemie starben.

Es ist das Verdienst des Berliner Militärarztes Erich Hoffmann (1868 bis 1959) und des Zoologen Fritz Schaudinn (1871-1906), das Rätsel um die Ursache der Syphilis gelöst zu haben. Am Berliner Klinikum Charité entdeckten sie den Erreger, das Bakterium Spirochaeta pallida, heute Treponema pallidum genannt. Die Chronik der Medizin nennt dafür das Datum des 3. März 1905.

Daß die Ursache der Syphilis im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten so spät erkannt wurde, lag nicht nur an dem schwer nachweisbaren Erreger. Die jahrhundertelange Unterdrückung der Sexualforschung durch Staat und Kirche hatte in Europa dazu beigetragen, daß auch der Beschäftigung mit sexuell übertragbaren Krankheiten lange Zeit ein Makel anhing.

1905 war die Syphilis noch nicht besiegt. Erst ein Jahr später entwickelte der Berliner Bakteriologe August von Wassermann (1866 - 1925) einen Test, mit dem sich der Erreger im Frühstadium der Krankheit nachweisen ließ. 1910 entwickelte der Frankfurter Serologe Paul Ehrlich (1854 - 1915) mit dem Mittel Salvarsan ein erstes Chemotherapeutikum - auch gegen Syphilis. Doch erst als der britische Bakteriologe Alexander Fleming 1928 das Penizillin entdeckte, wurden Syphilis-Patienten endgültig heilbar.

Heute gibt man sich allzu sorglos. Das RKI registrierte im vergangenen Jahr 3345 gemeldete Syphilis-Patienten - fast doppelt so viele wie 2001.

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