Ärzte Zeitung, 24.06.2005

Vielen wurde geholfen, andere leiden noch immer

Ein halbes Jahr nach dem Tsunami / 220 000 Menschen starben / Der Wiederaufbau ist teilweise nur schleppend

BANDA ACEH/COLOMBO (dpa). Die ersten Nachrichten klangen bereits dramatisch, doch es sollte noch viel schlimmer kommen: Hundert Tote bei einer Flutwelle, hieß es am zweiten Weihnachtsfeiertag zunächst, daraus wurden Tausende, Zehntausende und schließlich wohl mehr als 220 000 Menschen, denen der Tsunami vor einem halben Jahr ihr Leben raubte - eine unfaßbare Katastrophe.

Nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtstag: Trümmerfeld in Banda Aceh in Indonesien (Foto vom 18. Januar). Fotos: dpa

Die Killerwelle löste eine einzigartige Welle der Solidarität aus. Die Welt schien in der Not, die die Menschen in Asien getroffen hatte, zusammenzustehen. Etlichen Überlebenden wurde geholfen. Viele leiden aber auch heute noch.

Im Dorf Meunasah Bak Ue, eine halbe Autostunde außerhalb von Banda Aceh in Indonesien, starben bei der Flut 370 der 1100 Bewohner. Der Ortsname bedeutet "Umgebung der Kokospalme", doch die Bäume riß der Tsunami ebenso mit wie die Häuser der Einwohner.

Viele der Überlebenden sind zurückgekehrt, aber ein richtiges Dach über dem Kopf hat sechs Monate später niemand. "Wir sind es so leid, in Zelten zu leben", sagt einer der Dörfler in der Runde, und die Tropensonne brennt erbarmungslos herab. "Wir brauchen jetzt wirklich Häuser, völlig egal, ob aus Holz oder Stein."

Hunderte hausen noch in Zelten am Strand von Sri Lanka

Noch liegt der Schrott herum: Im Dorf Meunasah Bak Ue, etwa eine halbe Autostunde außerhalb Banda Aceh, beginnen die Menschen mit dem Bau eines Hauses.

Häuser - das wünschen sich auch die etwa 200 Familien, die am Strand von Hambantota im Süden Sri Lankas immer noch in Zelten hausen müssen. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, und sie schimpfen auf die Regierung, von der sie sich verlassen fühlen.

In den Zelten staut sich die Tropenhitze, an den Wänden schimmelt es, Monsunregen bahnt sich seinen Weg durch die löchrigen Planen. Insekten haben sich eingenistet, ihre schmerzenden Stiche rufen eitrige Wunden hervor. "Das Leben hier ist unerträglich", sagt eine 37jährige Mutter. Zu fünft teilt sich ihre Familie ein einziges Bett.

Doch nicht überall in den Katastrophengebieten geht der Wiederaufbau so schleppend voran. In Sri Lanka insgesamt, wo etwa 37 000 Menschen starben und fast ein Viertel der Bevölkerung von dem Tsunami betroffen ist, sind die allermeisten Überlebenden inzwischen in Holzhütten oder anderen festen Übergangsquartieren untergebracht. Die ersten sind sogar schon wieder in Häuser eingezogen, die von Hilfsorganisationen oder Privatspendern gebaut wurden.

Westliche Diplomaten und Hilfsorganisationen werben um Verständnis für das Tempo des Wiederaufbaus, das aus Sicht vieler Überlebender zu langsam ist. Sie verweisen auf das Ausmaß der Zerstörung und die noch nie da gewesenen Herausforderungen, vor denen Regierungen und Behörden stehen.

Die Katastrophe nach der Katastrophe

Ein deutscher Helfer in Sri Lanka betont: "Bei einer Katastrophe dieser Dimension in Deutschland hätten wir über die gleichen Zeiträume reden müssen." Allein an der Nordspitze Sumatras werden mehr als 164 000 Tote oder Vermißte durch die Killerwellen gezählt, so viele wie in keiner anderen Tsunami-Region. 70 Prozent der Verwaltungsangestellten sind tot, ihr Wissen verloren. Monatelang lagen keine Pläne von Leitungen oder Grundbucheinträge vor.

Für manche der Überlebenden folgt nun allerdings schon "die Katastrophe nach der Katastrophe", wie Andrea Hinrichs, Geschäftsführerin einer Tauchschule auf der Urlauberinsel Phuket, klagt. Etwa 5400 Menschen hatte die Killerwelle in Thailand in den Tod gerissen, etwa die Hälfte davon Ausländer, darunter auch hunderte Deutsche. Nach dem Tsunami brachen die Urlauberzahlen in Thailand, Sri Lanka und den Malediven drastisch ein. Für die Menschen in den einstigen Ferienparadiesen könnte es ein doppelter Schicksalsschlag werden. Erst raubte ihnen die Flut Angehörige, Zuhause und Besitz - nun droht auch noch ihre Einkommensquelle zu versiegen.

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