Ärzte Zeitung, 05.08.2005

Auch die Kinder und Enkel erkranken an Krebs

Am Samstag jährt sich der Atombomben-Abwurf von Hiroshima zum 60. Mal / Spätfolgen der zweiten Generation

Am Samstag jährt sich zum 60. Mal der Atombomben-Abwurf von Hiroshima. Überall auf der Welt - auch in Deutschland - finden zu diesem Anlaß Veranstaltungen statt, bei denen an die damaligen Opfer gedacht wird. Aber auch die Nachgeborenen bekommen noch die Folgen des Abwurfs zu spüren.

Von Lars Nicolaysen

Ein japanisches Mädchen betet im Friedensgedächtnispark von Hiroshima für die Opfer der Atombomben. Foto: dpa

Midori Yamada leidet seit ihrer Kindheit unter einem extremen Eisenmangel. Im Alter von 34 Jahren bekam sie Brustkrebs. "Ich habe das aber damals nicht auf den Atombombenabwurf zurückgeführt", erzählt die heute 56 Jahre alte Japanerin.

Erst viel später kam bei ihr der Verdacht auf, daß ihre Erkrankung etwas damit zu tun haben könnte, daß ihr Vater unmittelbar nach dem Abwurf der ersten Atombombe nach Hiroshima eilte und tagelang in der verwüsteten und verseuchten Stadt nach Freunden und Kollegen suchte.

Yamada gehört zu den "Hibaku Nisei", der zweiten Generation der Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki. Inzwischen ist bekannt, daß die Kombination aus Hitze, Druck und Strahlung bei den direkten Opfern ("Hibakusha") unter anderem zu Wachstumsstörungen, frühzeitigem Altern, Blut- und Hautkrankheiten und zu Schädigungen des zentralen Nervensystems geführt haben. Bis heute aber gibt es keine gesicherten Beweise dafür, daß die Atombomben auch bei ihren Nachkommen Schäden bewirkten.

Daher sind die "Hibaku Nisei" vom Staat nicht als Opfer anerkannt und haben anders als die unmittelbaren Überlebenden auch weder Anspruch auf kostenlose medizinische Untersuchungen noch auf finanzielle Hilfe. Einzelne Präfekturen wie Tokio stellen Nachkommen eigene Zertifikate aus. Diese berechtigten zu einfachen Gesundheitschecks und bei schweren Erkrankungen wie Krebs auch zu finanzieller Hilfe, sagt Yamada.

Auffallend viele Bürger Hiroshimas starben an Krebs

Es sei auffallend, wie viele ihrer Schulfreunde früh an Krebs gestorben seien, sagt Yamada. Mancher beklagt, daß nicht intensiv geforscht werde. Das aber stimme nicht, sagt Nori Nakamura, Leiter der Gen-Abteilung an der Radiation Effects Research Foundation (RERF) in Hiroshima.

Das von der japanischen und der US-Regierung betriebene Institut ist das einzige in Japan, das umfassend mit der Erforschung der gesundheitlichen Folgen durch die Atombombenabwürfe befaßt ist. Es liefen Untersuchungen auch zu den "Hibaku Nisei", nur wüßten das viele Betroffene nicht, da sie bisher nur auf Englisch publiziert worden seien, erklärt Nakamura. Es sei notwendig, die Forschungen auch über die nächsten Jahrzehnte fortzusetzen.

US-Forscher haben Folgen der Strahlung untersucht

Ein Problem ist das Mißtrauen, das seinem Institut entgegen gebracht wird, weil es aus der im Auftrag von US-Präsident Harry S. Truman geschaffenen Atomic Bomb Casualty Commission hervorging. Es hatte die Aufgabe, nach der Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis die Strahlungsfolgen an Überlebenden zu untersuchen. Manche beklagen noch heute, daß die USA die Opfer damals nur für ihre militärischen Forschungsinteressen benutzt hätten, ohne ihnen medizinisch zu helfen. Zudem seien die damals gesammelten Daten verheimlicht worden.

Dies hat auch unter manchen Nachkommen Mißtrauen geweckt. Andere verheimlichen den Umstand, zu den "Hibaku Nisei" zu gehören. Dazu trägt wesentlich die Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung bei, wie sie auch die unmittelbaren Opfer der Atombombenabwürfe massiv erfahren mußten, sei es bei der Suche nach Arbeit oder nach Ehepartnern.

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