Ärzte Zeitung, 14.10.2005

"Dieser Beruf kann keine Freude bringen, aber Genugtuung"

Der Berliner Rechtsmediziner Volkmar Schneider hat seine Memoiren vorgelegt / Als 27jähriger half er bei der Obduktion von Benno Ohnesorg

Von Ulrike von Leszczynski

Benno Ohnesorg bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Er war das erste prominente Todesopfer, das von Volkmar Schneider obduziert wurde. Foto: dpa

Attentate, Ehedramen, Kindermorde - es gibt kaum ein Verbrechen, das dem obersten Berliner Rechtsmediziner Volkmar Schneider fremd ist. Seit fast 40 Jahren steht er am Seziertisch und hat deutsche Zeitgeschichte auf eine ganz eigene Art erlebt.

Zu seinen ersten Fällen gehörte in den 60er Jahren der erschossene Student Benno Ohnesorg. Auch die Toten nach dem Anschlag auf die Discothek "La Belle" oder beim Mykonos-Attentat hat er obduziert. Seine persönliche Bilanz über Mord und Totschlag hat Schneider nun als Buch veröffentlicht.

"Manchmal läuft es mir kalt den Rücken herunter"

"Manchmal läuft es mir bei der Erinnerung kalt den Rücken herunter", gibt Schneider zu. Dann denkt er an das Jahr 1967, an die Studentenproteste gegen den Schah-Besuch in Berlin und die tödlichen Schüsse eines Polizisten auf Benno Ohnesorg. Die Rechtsmedizin habe unter Polizeischutz gearbeitet, berichtet Schneider.

Als 27jähriger Assistent half er bei der Obduktion eines Studenten, der ein Jahr jünger war als er selbst. "Ich war kein politischer Mensch damals, aber das war mein erstes dramatisches Erlebnis", erinnert sich Schneider.

Mit den Jahren ruhiger und nachdenklicher geworden

Heute, nach 38 Berufsjahren, ist er Berlins oberster Rechtsmediziner. Schneider leitet sowohl das entsprechende Universitätsinstitut des Berliner Klinikums Charité als auch das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin. Er sei ruhiger, abgeklärter und nachdenklicher geworden mit den Jahren, sagt der Professor.

"Dieser Beruf kann keine Freude bringen, aber Genugtuung." Es erfülle ihn zumindest mit Zufriedenheit, wenn ein Täter durch die Arbeit der Gerichtsmediziner überführt werde - wie jüngst auch im Fall des siebenjährigen Christian, der von einem Jugendlichen "aus Frust" erschlagen wurde.

Etwa 2500 Leichen sieht Schneider pro Jahr. Darunter sind viele Unfallopfer oder Selbstmörder. Nur bei 80 bis 110 Berliner Toten pro Jahr, schätzt er, gehe es um Mord und Totschlag. Nicht immer gelingt es ihm, Gefühle am Seziertisch völlig auszublenden. "Seit ich Vater bin und Großvater, habe ich eine andere Beziehung zu Kindern", sagt er. Mißhandelte Kinder zu untersuchen, das sei mit das Schwerste.

65 Jahre alt ist Schneider nun, ein redegewandter, weißhaariger Universitätsprofessor, dem die Seriosität seines Faches sehr wichtig ist. "Ich mag Krimiserien über Rechtsmediziner nicht", betont er. "Mein Beruf ist reine Naturwissenschaft. Im Fernsehen wird daraus oft banale Unterhaltung."

Sachliche Analyse statt sensationslüsterner Blick

So ist sein Buch auch kein sensationslüsterner Blick auf das kriminelle Berlin, sondern vor allem eine sachlich-medizinische Analyse über Schußkanäle oder Nachweismethoden für ein Verbrechen. Das Aufsehenerregende sind Schneiders Fälle: "Berlin war in manchen Jahren wie ein Hexenkessel".

Er beschreibt, wie 1983 der Sprengsatz im Westberliner Kulturzentrum "Maison de France" explodierte, beschafft vom Terroristen Johannes Weinreich, in Kauf genommen von der DDR-Staatssicherheit. Er erinnert an den Anschlag auf die Discothek "La Belle" im Jahr 1986, libyschen Terror, der sich gegen in Berlin stationierte US-Soldaten richtete.

Schneider berichtet auch über das Mykonos-Attentat von 1992, hinter dem der iranische Geheimdienst stand. Alle Opfer dieser Anschläge hat Schneider obduziert und die Aufklärung der Fälle über Jahre hinweg in den Medien verfolgt. "Nur Leichen sind mir zu wenig", sagt er. Für sein Buch, das Täter, Opfer und die Hintergründe einer Tat beleuchtet, wählte Schneider 25 brisante Fälle aus - nicht nur aus der Politik.

Von Fiffi Kronsbein bis Bubi Scholz

Denn der oberste Rechtsmediziner war auch immer zur Stelle, wenn es spektakuläre Todesfälle bei der Berliner Prominenz gab. Gemeinsam mit Kollegen wies er nach, daß der Boxer Gustav (Bubi) Scholz seine Frau 1984 wirklich durch die Toilettentür erschoß. Schneider hat mit einem Gutachten aber auch dazu beigetragen, daß Hertha-Trainer Helmut (Fiffi) Kronsbein fünf Jahre zuvor vom Mordvorwurf freigesprochen wurde - seine Frau hatte sich mit einem Fön in der Badewanne selbst getötet.

Im kommenden Jahr geht Volkmar Schneider in den Ruhestand. Verändert dieser Beruf einen Menschen? "Ich habe vielleicht einen anderen Zugang zum Tod", antwortet Schneider. "Es ist die Gewißheit, daß jeder Tag der letzte sein kann. Ich bin vielleicht dankbarer für das Leben - und für jeden Tag, an dem nichts Schreckliches passiert." (dpa)

Volkmar Schneider: Brisante Fälle auf dem Seziertisch. Zeitzeuge Rechtsmedizin. Militzke-Verlag. Leipzig 2005. 224 Seiten. 19,90 Euro.

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