Ärzte Zeitung, 14.07.2006

GASTBEITRAG

"Hitze, Bier und die Flipflop-Mode in einem Meer von Glasscherben ließen den Patientenstrom selten abreißen"

Von Sebastian Sepp

Noch haben wir die Bilder der spannenden Fußballspiele, der jubelnden Fans in den Stadien und der ausgelassenen Massen auf den Plätzen der deutschen Großstädte im Kopf. Die Welt war zu Gast bei Freunden, und so ging die WM am Sonntag friedlich zu Ende. Worüber auch ich mich als leitender Arzt der Malteser in Bayern natürlich sehr gefreut habe.

Dr. Sebastian Sepp (rechts) plant mit Kollegen den nächsten Einsatz. Der Münchener Chirurg war während der WM für die Malteser im Einsatz. Fotos: Malteser

In allen Spielorten war man auf Schreckenszenarien vorbereitet. Wie in Berlin, Dortmund oder Stuttgart standen auch in München an jedem Spieltag außer vielen Polizisten auch Ärzte, Sanitäter, Techniker und Logistiker bereit, im Ernstfall schnelle medizinische Hilfe zu leisten.

Sechs Kontingente - darunter versteht man alle Mittel, die für den Aufbau und den Betrieb eines Behandlungsplatzes notwendig sind - waren in München an jedem Spieltag vor Ort. Jedes allein war personell und technisch so ausgestattet, daß es möglich war, im Falle eines Großschadens stündlich fünfzig Schwerstverletzte zu behandeln.

Personal zusammengelegt, um Einsatz zu stemmen

130 ehrenamtlich Malteserhelfer, 40 Fahrzeuge, Zelte, Equipment, Verpflegung - all das mußte an jedem Spieltag auf den Weg gebracht werden. Alle Malteser-Verbände Bayerns hatten ihre Ausrüstung und ihr Personal zusammengelegt, um diesen Einsatz zu stemmen. Eine unglaubliche Leistung!

Die Abläufe waren im Vorfeld bis ins letzte Detail geübt worden:

Im Schadensfall errichtet das Kontingent einen Behandlungsplatz, bestehend aus zwei Triagezelten und vier Behandlungszelten. Jeden Patienten, der zum Behandlungsplatz gebracht wird, untersucht ein erfahrener Notarzt im Triagezelt.

Vor der WM-Arena in München hatte der Malteser-Hilfsdienst einen Behandlungsplatz eingerichtet, wo aber nur Bagatell-Verletzungen versorgt werden mußten.

In weniger als 30 Sekunden muß der Kollege das Verletzungsmuster erfassen und den Patienten einer Verletzungskategorie zuordnen. Diese Kategorien werden durch farbige Anhänger am Patienten sichtbar gemacht. Für jede Farbe steht ein weiteres Zelt für die Behandlung zur Verfügung.

Jedes Zelt war mit Beatmungseinheiten, Monitoring und Defibrillatoren, Medikamenten und Verbandsmaterialien ausgestattet. Malteser-Notärzte und Sanitäter haben hier ein ideales Umfeld, um auch schwerstverletzte Patienten zu behandeln. Es bestand die Möglichkeit zu invasiven Maßnahmen wie Thoraxdrainagen, Infusionstherapie oder Narkoseeinleitung.

Obwohl das Kontingent niemals komplett zum Einsatz kam, mußten einzelne Beteiligte immer wieder an Brennpunkten in den Innenstädten von München und Nürnberg Hilfe leisten. Der Alltag jedoch bestand zumeist aus Warten und Schwitzen - oft hatten wir auf den asphaltierten Stellplätzen fernab vom Stadion mit Temperaturen von über 40 Grad zu kämpfen. Dafür entschädigte uns die angeordnete "intensive Beobachtung der Lage" auf bereitstehenden Großleinwänden.

Mit Fortschreiten des Turniers und dem erfreulichen Weiterkommen der deutschen Mannschaft mußten bald auf der Fanmeile Leopoldstraße in München zusätzliche Unfallhilfsstellen durch die Malteser errichtet werden. Die Münchner Hitze, das Münchner Bier und die aktuelle Flipflop-Mode in einem Meer von Glasscherben auf der Straße ließ den Patientenstrom selten abreißen. Nun konnten die Ärzte und Sanitäter zeigen, was sie drauf hatten. Oft glichen unsere Behandlungszelte einem Schlachtfeld.

"Alle Planungen sind voll aufgegangen"

Alle Planungen, die bereits letztes Jahr begonnen hatten, sind voll aufgegangen. Aus ärztlicher Sicht war die Gründung einer eigenständigen Arztgruppe im Malteser-Verbund München Stadt ausschlaggebend. Die Idee dazu war aus Erfahrungen bei der Tsunami-Katastrophe in Asien geboren und hat seither die Qualität des Malteser-Einsatzzuges verbessert sowie das Einsatzspektrum deutlich erhöht.

Fast 30 erfahrene Notärzte stehen den Maltesern seit 2005 ehrenamtlich zur Verfügung, so daß hier keine Probleme bestehen, um das Kontingent zu besetzen. Und auch für die Malteser-Ärzte war es eine willkommene Abwechslung zum Klinik- oder Praxisalltag.

Für die Ärzte und Helfer war die WM zudem eine hervorragende Vorbereitung für weitere Einsätze. Es gilt: "Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz." München erwartet ja bereits in wenigen Monaten den Besuch des Papstes. Mit ihm werden Tausende von Menschen nach München kommen. Die Malteser werden vorbereitet sein, damit es dann wieder heißt: "Zu Gast bei Freunden".

ZUR PERSON

Dr. Sebastian Sepp ist seit 2001 Stadtarzt des Malteser Hilfsdienstes im Bezirk München Stadt. Der Facharzt für Chirurgie arbeitet in der Abteilung für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Krankenhaus München-Schwabing. Sepp ist 37 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.

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