Ärzte Zeitung, 20.10.2006

"Schöne Dinge kehren wieder, in anderer Form und auf andere Art"

In seinem Buch "Die Nähe zum Tod macht großzügig" führt der US-Arzt Stephen Schoen seine Leser in die oft verdrängte Welt Sterbenskranker

Ein gutes Lebensende hat sich der Mensch zu allen Zeiten gewünscht. Während jedoch etwa die Menschen des Mittelalters in der "Ars moriendi" - der Kunst, so zu sterben, daß die Seele keinen Schaden nimmt - ein zentrales Anliegen sahen, wird uns der Tod in unserer Gesellschaft immer fremder. Selbst viele Ärzte, naturgemäß mit Tod und Sterben konfrontiert, sind unsicher, wenn es um die Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte von Sterbenskranken geht.

In Stephen Schoens Buch "Die Nähe zum Tod macht großzügig" erhält der Leser einen Zugang zur so oft verdrängten Welt von Sterbenskranken. Schoen arbeitet als Arzt und Gestalttherapeut in Kalifornien. Er konzipierte die Figur des alternden Psychotherapeuten Dave, der einige Monate ehrenamtlich in einem Zen-Hospiz arbeitet. Dave will sterbende Menschen begleiten und sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzen.

Zu wissen, daß er sterben muß, gehört zu den Eigenschaften des Menschen. Wer jedoch in ein Hospiz einzieht, weiß, daß er nicht in seine Wohnung zurückkehren wird. Er weiß, daß er Abschied nehmen muß und daß er kaum mehr Zeit hat, seine persönlichen Dinge zu regeln.

Doch so sehr sich auch die Ausgangslage der von Schoen geschilderten Kranken ähnelt - ihre Art, mit dem nahenden Tod umzugehen, ist höchst individuell: Da begegnet Dave etwa einer Frau, die sich kaum mehr bewegen kann und die am liebsten "Trivial Pursuit" spielt. Da ist auch der aidskranke Torsten, der um sich eine Mauer des Schweigens errichtet. Und da gibt es den 47jährigen Chinesen John, der bis zuletzt gelassen und sogar lernbegierig bleibt, denn er vertraut darauf: "Schöne Dinge kehren wieder, in anderer Form und auf andere Art."

Sich ablenken, sich abschotten, Spiritualität - die in Schoens Buch geschilderten Formen, sich mit dem nahenden Tod auseinanderzusetzen, sind so vielfältig wie die persönlichen Lebensentwürfe. Mit seiner Sammlung von Impressionen und Begegnungen gelingt es ihm, sich schwierigen existentiellen Fragen anzunähern - anrührend, ermutigend und mit Wohlwollen. (kbr)

Stephen Schoen: Die Nähe zum Tod macht großzügig. Ein Therapeut als Helfer im Hospiz. Peter Hammer-Verlag. Wuppertal 2006. 112 Seiten. 12,90 Euro. ISBN: 3-7795-0053-1.

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