Ärzte Zeitung, 14.01.2008

Rauchverbot? In Filmen wird immer mehr gequalmt!

Ein deutscher Kinoheld greift im Laufe des Films im Schnitt 14,5 Mal zur Zigarette / Glimmstengel aus dramaturgischen Gründen oft unverzichtbar

FRANKFURT/KIEL (dpa). Je mehr Rauchen verpönt ist, desto öfter wird im Film gequalmt. Zu dieser Schlussfolgerung kommen Studien aus Deutschland und den USA.

"Das Kino nimmt sich in der Filmwelt genau den Freiraum, der in der realen Welt immer mehr eingeschränkt wird", erklärt Medizinethiker Kurt Schmidt diese paradox anmutende Tendenz. Schmidt, der am Zentrum für Ethik in der Medizin am Frankfurter Markus-Krankenhaus tätig ist, hat zusammen mit der Deutschen Krebsgesellschaft eine Tagung zum Thema Rauchen im Film organisiert.

Das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel hat im Auftrag des Gesundheitsministeriums genau dieses Thema erforscht. Die Mitarbeiter von Reiner Hanewinkel untersuchten in drei Einzelstudien das gesamte deutsche TV-Programm einer Woche des Jahres 2005, sie verglichen über 400 Kinofilme verschiedener Länder und analysierten 100 Folgen der Krimiserie "Ein Fall für zwei" von 1985 bis 2004.

Das Ergebnis: Im deutschen Kinofilm wie auch im deutschen Fernsehen wird häufiger geraucht als in US-amerikanischen und anderen europäischen Produktionen. Ein deutscher Kinoheld greift im Laufe des Films durchschnittlich 14,5 Mal zur Zigarette, ein spanischer oder amerikanischer nur halb so oft. Die Langzeitanalyse des Krimiduos ergab, dass das Filmpersonal bis Mitte der 90er Jahre immer weniger rauchte, seither aber wieder vermehrt zur Kippe greift.

Die Universität von San Francisco kam 2007 zu einem ähnlichen Ergebnis: "Die Zahl der Raucher unter Erwachsenen in den USA hat sich zwischen 1950 und 2002 halbiert, während das Rauchen im US-Film 2002 ein historisches Hoch erreicht hat, höher als vor einem halben Jahrhundert", berichten Jonathan Polansky und Stanton Glantz.

Die Deutsche Krebsgesellschaft sieht das mit Sorge. "Das im Film dargestellte Rauchen hat das gleiche Potenzial auf den Start einer Raucherkarriere wie Freunde oder die Familie", sagt Volker Beck, Präventionskoordinator der Deutschen Krebsgesellschaft. "Millionen von Filmkonsumenten werden durch Hollywood einer permanenten Verhaltensmanipulation ausgesetzt."

Medizinethiker und Filmfan Schmidt, selbst Nichtraucher, ist ebenfalls der Meinung, "dass es aus erzieherischen Gründen besser wäre, wenn in Filmen nicht so viel geraucht würde". Er verstehe aber auch, dass Zigaretten, Zigarren und Pfeifen "aus dramaturgischen Gründen" unverzichtbar seien. "Wenn man aus ,Casablanca‘ alle Szenen mit Alkohol und Zigaretten rausschneiden würde, bliebe nichts übrig." Es gehe ja nicht um das Rauchen an sich, sondern darum, was damit ausgedrückt werde. Und das sei eine ganze Menge.

Am häufigsten dient Rauchen als Vehikel der Kontaktaufnahme. Eine Frau bittet einen Mann um Feuer, ein Mann hält schützend seine Hände um die Flamme - so fangen große Film-Liebesgeschichten an.

Im Film rauchen mehr Menschen als im Bevölkerungsdurchschnitt. 60 Prozent der männlichen und 30 Prozent der weiblichen Hauptdarsteller rauchen, zitiert die Krebsgesellschaft aus US-Studien.

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