Ärzte Zeitung, 08.10.2007

Viel Zeit und ungewöhnliche Räume erleichtern Trauernden den Abschied

Trauerzentrum in Frankfurt am Main / Empfindungen können aktiv durchlebt werden

FRANKFURT AM MAIN (smi). Der Verlust eines geliebten Menschen lässt die Hinterbliebenen meist im Schmerz zurück. Ihre Trauer braucht Raum und viel Zeit. Im "Haus des Abschieds" in Frankfurt am Main lässt man Angehörigen so viel Zeit, wie sie benötigen, und bietet ihnen eine Vielzahl von Räumlichkeiten für ihren persönlichen Abschied.

"Abschiednehmen am Fließband in einer kalten Umgebung - das kann man Trauernden doch nicht zumuten", sagt Björn Schulz, Bestattermeister im "Haus des Abschieds", einem nach Auskunft der Betreiber bundesweit einmaligen Trauerzentrums. Für eine Trauerfeier am Frankfurter Hauptfriedhof etwa stehe meist nur eine halbe Stunde zur Verfügung. Dann warte bereits die nächste Gruppe. An den Sarg herantreten, etwa um einen Abschiedsbrief oder eine Blume hineinlegen zu können, dürfe man nicht. "Man steht hinter einer Glasscheibe. Daneben stehen andere, die auf den Sarg ihres Angehörigen blicken. Das finde ich unzumutbar", so Schulz.

Aus der Empörung entstand die Idee zu einem Haus, in dem Trauernde beides finden: sowohl Raum als auch Zeit. Zwei Bestatter setzten die Idee in die Tat um: Matthias Bartsch und Dr. Dominik Kracheletz, der in Kassel bereits eine Trauerhalle errichtet hat. In der Frankfurter Einrichtung will man noch mehr: Trauerbegleitung über die eigentliche Zeremonie und Bestattung hinaus.

Das in hellen Farben gehaltene "Haus des Abschieds" ist am 15. Oktober 2005 in einer ehemaligen Pumpenfabrik im Frankfurter Stadtteil Rödelheim eröffnet worden. Im unteren Bereich sind die Fahrdienstleitung und der Fuhrpark, der Kühl- und Hygieneraum sowie die Sargwerkstatt und die hauseigene Floristik untergebracht. Hier können Angehörige den Sarg vom Rohzustand bis zur aufwändigen Verzierung begutachten, Kreuze, Urnen und das passende Blumengebinde aussuchen.

Das Trauerzentrum steht allen Konfessionen offen

Hinter den Werkstätten schließen sich eine geräumige Trauerhalle, ein separater Abschiedsraum und das Trauercafé an, in dem Gesellschaften von bis zu 70 Gästen Platz finden.

Ein farbenfrohes Beduinenzelt zwischen Trauerhalle und Werkstatt deutet auf den konfessionsübergreifenden Charakter des Trauerzentrums hin. Zwar ist die Trauerhalle von katholischen und evangelischen Würdenträgern offiziell eingesegnet worden. "Doch natürlich stehen wir allen Religionen offen", erklärt Petra Hampel, Assistentin der Geschäftsführung.

Offen steht das Haus daher auch für jüdische und muslimische Trauerfeiern. Und es habe auch schon buddhistische und hinduistische Trauerzeremonien gegeben. Die Buddhisten etwa verabschiedeten sich von ihren Angehörigen mit einem Fest und fröhlicher Musik. Überall gibt es weiße Kerzen und frisches Obst. Vorn stehen zwei Schreine: für Buddha und den Verstorbenen. "Bei der Zeremonie geht es gar nicht traurig zu", so Hampel.

Klagefrauen begleiteten eine hinduistische Zeremonie

Ganz anders bei einer hinduistischen Trauerfeier. Petra Hampel erinnert sich an eine Zeremonie, bei der die Schreie von fünf bestellten Klagefrauen die Trauerhalle erfüllten. Auch ein Schamane war zugegen. Der Tradition folgend schritt er dreimal um den geöffneten Sarg herum, ihm folgte die Witwe des Verstorbenen, gestützt von zwei Verwandten. Die Opfergaben bestanden aus Milch und Jogurt. "Wir hatten allerdings ein Problem", erzählt Hampel. "Die Räucherstäbchen im Sargdeckel durften nur mit Holz angezündet werden, wir fanden aber nur Feuerzeuge. Am Ende haben wir den Ast einer Zimmerpflanze abgebrochen und damit die Räucherstäbchen angezündet. Seitdem haben wir jedoch immer Streichhölzer in Greifnähe."

Verschiedene Räume helfen bei der Trauerverarbeitung

Im "Haus des Abschieds" vertritt man die Philosophie, dass der Trauerprozess aktiv durchlebt werden soll, um den Verstorbenen loszulassen und selbst neue Lebenskraft zu tanken. Zur Entspannung gibt es im oberen Teil einen Klangraum, einen Farblichtraum, Meditationsräume und Gruppenräume, die Selbsthilfegruppen kostenlos zur Verfügung stehen. Eine Bibliothek sammelt Bücher zum Tod, zu Sterben und Trauer.

Sie sollen sowohl Erwachsenen als auch Kindern eine Anleitung zur Bewältigung ihres Verlustes geben. In einer so genannten "Wirkstatt" schließlich können die Hinterbliebenen durch kreative Beschäftigung neuen Mut schöpfen. "Wir lassen niemanden allein", versichert Petra Hampel. Dazu gehört auch die Vermittlung von Gesprächspartnern, Trauerhelfern oder Selbsthilfegruppen. Vorträge, Führungen und Veranstaltungen runden das Programm ab.

Weitere Infos: "Haus des Abschieds", Eschborner Landstraße 79, 60489 Frankfurt, Tel.: 069 / 48 00 38  70, E-Mail info@trauerzentrum.com

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