Ärzte Zeitung, 07.11.2007

"Glaube lässt sich nicht auf Nützlichkeit prüfen"

Diskussionsrunde zum Thema "Gesundheit und Religion" / Jörg Lamparter kennt als Arzt und Pfarrer beide Seiten

SCHWÄBISCH GMÜND. Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Kann er auch heilen? Die Meinungen zu diesem Thema gehen weit auseinander. "Ich bin grundsätzlich dagegen, Glauben auf seine Nützlichkeit hin zu untersuchen und ihn wie ein nebenwirkungsfreies Medikament zu sehen", macht Dr. Jörg Lamparter bei einer Diskussionsrunde in Schwäbisch Gmünd deutlich. Lamparter ist Spezialist für beide Bereiche. Er ist Arzt und Pfarrer.

Von Marion Lisson

 "Glaube lässt sich nicht auf Nützlichkeit prüfen"

Kann der Glaube an Gott Heilungsprozessse fördern? Lässt sich das beweisen? Solche Fragen beschäftigten Ärzte und Patienten in einer Diskussionsrunde.

Foto: ddp

Mit einem 70-prozentigen Auftrag arbeitet Lamparter an der Psychiatrie Reutlingen. Zu 30 Prozent ist er mit einem Seelsorgeauftrag an einem Altenzentrum in Metzingen tätig. "Oft wechsle ich die Rollen innerhalb eines Tages. Zwischen dem Herrn Pfarrer und dem Herrn Doktor liegen gerade mal 12 Kilometer", berichtet er auf der Veranstaltung "Gesundheit und Religion".

Eingeladen zu der Arzt-Patienten-Runde hatte die KV Baden-Württemberg gemeinsam mit der VHS Schwäbisch Gmünd und der regionalen Ärzteschaft. Als Pfarrer wisse er, dass Glaube vielen Menschen einen Lebenssinn gebe. Rituale etwa würden helfen, das Leben zu bewältigen und Stress abzubauen. Zudem vermittle Religion eine soziale Einbindung in eine Gemeinschaft, in der man sich ernst genommen fühle und Bestätigung erfahre. Er ist daher überzeugt, dass Menschen, die dies erlebten, auch seltener krank werden.

Studiendaten aus den USA scheinen dies auch zu belegen. So war in einer Untersuchung mit 91 000 Männern bei denjenigen, die einmal pro Woche eine religiöse Veranstaltung besuchten, die Sterblichkeit an einer koronaren Herzkrankheit um 40 Prozent niedriger als jenen, die dies nicht taten, berichtete Lamparter. Eine andere Studie mit 21 000 Teilnehmern, die über neun Jahre lief, sei zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt. Ergebnis: Einmal in der Woche in eine Kirche, Synagoge oder Moschee zu gehen, erhöhte die Lebenserwartung um 6,6 Jahre. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass religiöse Menschen meist der Mittel- und Oberschicht angehören, gesundheitsbewusster leben und weniger rauchen.

Auch Lamparter hält es für falsch, Glauben instrumentalisieren zu wollen. Er sei nicht gleichzusetzen mit gesunder Ernährung oder einem gesunden Klima. Glauben könne im Einzelfall sogar eine Krankheit oder Depressionen verstärken. Denn Schuldgefühle seien bei einem religiös geprägten Menschen oft ausgeprägter als bei einem Atheisten. "Gesundbeten lässt sich keiner", bringt es dann auch ein Diskussionsteilnehmer auf den Punkt.

Für den Allgemeinarzt Dr. Peter Högerle aus Böblingen bestimmt wiederum sein eigenes christliches Weltbild die tägliche Arbeit vor allem im Umgang mit Krankheit und Sterben. Immer wieder erlebe er, wie eine Sterbekultur mit Gebet, Gesang und Begleitung, brennenden Kerzen und auch Phasen der Ruhe von Sterbenden und ihren Angehörigen als entlastend erlebt werden.

Högerle berichtet von einer 85-jährigen Patientin mit einer unheilbaren Tumorerkrankung. Trotz Schmerzmedikation habe sie sich weiter unruhig im Bett gewälzt. Sie sei erst dann ruhiger geworden, als der Pfarrer ihr das Sakrament der Krankensalbung gegeben hätte. "Dieses Getragensein von einer höheren Macht hat es der Patientin offenbar leichter gemacht, sich in ihr Schicksal zu ergeben", so Högerle. Die Patientin sei kurze Zeit später ruhig gestorben.

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